Auf „Visite" im Krankenhaus – Teil 4: Die Chirurgische

Die Chirurgische Station liegt direkt unter der Inneren, und ich habe bisher immer gerne dort ausgeholfen. Leider hat das Amt der Stationsleitung ein Pfleger inne, der es nicht erträgt, dass die jungen Pflegerinnen gerne mit mir den neuesten Klatsch und Tratsch besprechen. Er ist einer derjenigen, der als Mann in der Frauengruppe gleichzeitig die beste Freundin und der beste Freund auf der Arbeit sein will. Da bin ich natürlich ein Dorn im Auge. Eigentlich kann ich ihn ganz gut leiden, und er ist jetzt auch nicht besonders unfreundlich zu mir, aber er zieht seit einiger Zeit eine Kommilitonin vor, die auch im Haus als Aushilfe arbeitet. Allerdings nicht in dem Umfang, in dem ich arbeite. Sie macht höchstens vier Dienste im Monat. Sie kann ausgesprochen gut mit ihm. Sagte mir aber selbst, dass die Damen sie nicht leiden können. Komisch, bei mir ist es genau umgekehrt. Sie sagen zu mir, wenn man sich mal im Fahrstuhl trifft, warum ich denn nicht mehr zu ihnen arbeiten kommen möchte. Aber aussuchen kann ich mir meinen Einsatz nicht wirklich. So muss ich erklären, dass ich davon ausgehe, dass jemand nicht möchte, dass ich bei den Damen auf der Chirurgischen allzu häufig arbeite. Sie sagen dann, dass sie sich das schon denken können, und sind traurig darüber, weil wir wirklich viel Spaß hatten. Haben aber auch nicht den Mumm in den Knochen, ihm das zu sagen. Die strenge Schwester Rigide, die mich so liebt, vermisst meine Anwesenheit schon länger. Ich selbst vermisse vor allem ihr Lob und ihr geniales Frühstück an Sonntagen, wo sie von sich aus die leckersten Sachen mitbringt. Aber was soll ich machen?

Frau Kittel war sehr dement und voll mobil

Wenn ich zurückblicke, dann hatte ich neben der Notaufnahme auf der Chirurgischen eigentlich meine lustigsten Situationen. Vielleicht liegt das daran, dass die meisten Patienten in der Regel nicht multimorbide sind und noch einigermaßen klar im Kopf. Wobei es auch hier viele demente Patienten gibt, die glücklicherweise zum Großteil der mobilen Sorte angehören. Ganz besonders muss ich an Frau Kittel denken. Sie war sehr dement, aber voll mobil. Sie hatte diese Weglauftendenz und wurde einige Male in einer Straßenbahn wiedergefunden, nachdem man öffentlich nach ihr gesucht hatte. Das Gute war, sie verließ die Bahn, in die sie einstieg, nie. So fuhr sie ihre Runden und konnte irgendwann aufgegriffen werden.

Frau Kittel lief immer in einem dunkelroten Bademantel und ihren Pantoffeln herum. Es waren weiße, flauschige Pantöffelchen, die sie selbst immer »meine Puschen« nannte. Sie war ununterbrochen unterwegs und lag bei uns wegen einer Handgelenksgeschichte, die sie sich nach einem Sturz zugezogen hatte. Man musste wirklich ein Auge auf sie haben, dass sie nicht abhaute. Was ein Fulltimejob war.

In meinem Pflegepraktikum, das jeder Medizinstudent neunzig Tage lang für sein Studium im vorklinischen Abschnitt absolvieren muss, arbeitete ich in einem anderen Krankenhaus auf der neurochirurgischen Station in einer anderen Stadt. Dort gab es auf dem Stationsflur einen durchgängigen Metallgriff, an dem diese Art der Patienten mit einem Sicherheits- oder Kinderverschluss, der sich an einem Gurt befand, angekettet waren. Man benötigte zum Entsperren einen Magneten, der einen Metallstift aus der Verankerung zog, damit man so den Gurt lösen konnte. Die Patienten, die angegurtet waren, konnten also den Flur auf und ab schreiten oder sich stundenlang vergebens damit beschäftigen, den Riegel zu öffnen. Keine Chance, und ich würde jetzt mal behaupten, dass es nicht erlaubt ist, auch nicht zum Schutz des Patienten, ihn anzuketten. Die Bettgitter hochzuziehen ist in meinen Augen schon genug Freiheitsberaubung, und sie sind immer mit Vorsicht zu benutzen. Viele Angehörige gehen täglich auf die Barrikaden, weil der Verwandte nicht aus dem Bett konnte, wenn er aber wollte, oder es tatsächlich schaffte und sich dabei schwer verletzte. Vor Gericht geklagt haben nicht wenige von ihnen.

Auf Raubzug im Playboy-Bademantel

Frau Kittel konnte sich jedenfalls frei bewegen, und ich suchte nach einem Weg, sie zu bestimmten Tageszeiten, in denen wir nicht die Kapazität hatten, auf sie genügend zu achten, in ihr Bett zu bekommen. An einem Wochenende erschien ich zu einem Spätdienst und benutzte das Treppenhaus, um auf Station zu gelangen. Da kam mir Frau Kittel entgegen und grüßte mich recht freundlich, als sei sie voll bei Verstand. Ich war verblüfft, dass sie offenbar noch den Instinkt besaß, dass ein Treppenhaus den Ausgang bedeuten könnte. So verwickelte ich sie in ein Gespräch und konnte sie überreden, mich auf ihr Zimmer zu begleiten. Ich sagte ihr, dass sie bestimmt Besuch habe, der bereits warte, und vielleicht sei ja sogar ihre Mutter von der Arbeit vorbeigekommen. Natürlich war ihre Mutter längst tot. Aber viele Patienten fragen in ihrer Demenz nach ihrer Mutter. So auch Frau Kittel. Ich hielt ihr meinen Arm hin und ließ sie sich einhaken. Ich führte sie wie ein Gentleman zu ihrem Zimmer, und wir beide stellten leider fest, dass niemand zu Besuch gekommen war.

Als ich sie ans Bett führte und sie bat, sich hinzusetzen, fühlte ich diesen weichen flauschigen Stoff ihres Bademantels. Es war nicht mehr der mir bekannte rote gewesen, sondern ein weißer Bademantel.

»Haben Sie einen neuen Bademantel, Frau Kittel?«, fragte ich auf Begeisterung machend. Aber sie verneinte.

»Das ist meiner. Den habe ich schon immer.« Sie hielt den Bademantel mit einem Kung-Fu-ähnlichen Griff fest. Da sah ich ein ­Playboyhasen-Emblem auf der Brusttasche des Mantels. Sie hatte den Mantel mit der Vorderseite nach innen gebunden, und so bekam ich das Emblem erst jetzt zu sehen, wo er durch ihren Griff verrutschte. Ich schaute Frau Kittel verdutzt an.

»Sie sind mir aber ein Playboyhäschen. Wo haben Sie den Mantel her, Frau Kittel?« Ich half ihr, sich hinzusetzen.

»Der ist meiner. Lassen Sie mich in Ruhe.«

Die Sache stank zum Himmel, also bat ich Frau Kittel, mich hinten in den Mantel schauen zu lassen. Ich tat so, als hätte ich einen Fleck entdeckt, wollte aber wissen, ob vielleicht ein Name hinten auf dem Zettel stand. Leider stand kein Name im Mantel. Ich fragte sie, ob sie ihren Mantel ausziehen wolle, während sie sich ins Bett legte. Ich versprach ihr, einen leckeren Hagebuttentee zu holen mit viermal Süßstoff, so wie sie es gerne mochte. Aber sie zog kräftig den Mantel an sich heran und sagte mit energischer Stimme: »Nein!«

Es klimperte in den Taschen des Mantels.

»Was haben Sie denn da in den Taschen, Frau Kittel?«, fragte ich freundlich interessiert.

»Meine Schlüssel.« Sie lächelte wieder und zog ein paar Schlüssel aus der Manteltasche.

Ich sah sofort, dass es sich um Schlüssel von Zimmerschränken der Patienten handelte. Es waren deutlich mehr als drei. Also muss Frau Kittel in anderen Zimmern gewesen sein und dort Schlüssel einkassiert haben. Ich rief die Stationen an und fragte nach. Auf der HNO-Station, die eine unter der Chirurgischen liegt, hatten sich bereits einige junge Damen gemeldet, dass ihre Schränke abgeschlossen wären. Der Playboymantel wurde auch vermisst. Ich half Frau Kittel ins Bett und versprach ihr einen schönen Tee. Es gelang mir mit viel gutem Zureden und dem Präsentieren ihres eigenen Mantels, den falschen Hasenmantel abzunehmen. Er gehörte eigentlich einer sehr jungen Patientin, die sich ihre Nase hatte richten lassen. Sie kam in einem sehr freizügigen Outfit für ein Krankenhaus auf mich zu. Den Mantel nahm sie mit ihren zierlichen Händen entgegen. Ihre knallpinken künstlichen Nägel kratzten leicht über meinen Handrücken, als sie danach griff. Sie war ungesund schlank und trug ein Spaghetti-Top, das die üppige Silhouette ihrer Brust abzeichnete. Es war wohl nicht ihre erste Schönheitsoperation gewesen. Dazu trug sie ein derart kurzes Schlafhöschen, dass ihre Pobacken nicht vollends abgedeckt wurden. An den Füßen hatte sie die zum Mantel zugehörigen Playboyschlüppchen mit einem Hasen auf der Oberseite. Sie bedankte sich mit einem Lächeln. Künstliche Wimpern unterstrichen ihren provokativen Augenaufschlag, als sie sich umdrehte. Ich schüttelte ungläubig den Kopf und war besoffen von dem süßlichen Duft, den sie hinter sich herzog.

Heneka

Prof. Heneka ist seit 2010 leitender Neurologe des Klinischen Behandlungs- und Forschungszentrums (KBFZ) für neurodegenerative Erkrankungen am Uniklinikum Bonn. Im Interview spricht er über Demenz und verrät, auf welche Prüfungsfrage zur Alzheimererkrankung man sich in der Examensprüfung vorbereiten sollte.

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Ich weiß nicht, wie es keiner bemerken konnte, dass Frau Kittel in einem geklauten Playboymantel sämtliche Schlüssel der HNO-Station abgezogen hatte und mitnahm. Dafür fiel mir danach ein, wie wir Frau Kittel davon abbringen konnten, die Station zu verlassen, zumindest für eine gewisse Zeit. Sie äußerte immer, dass sie nicht ohne ihre »Puschen« losgehen würde. Woraufhin wir ihr in den letzten Tagen immer die Puschen angezogen hatten. Also ver-legten wir die Puschen in den Schrank, und prompt traute sie sich nicht, das Bett zu verlassen. Sie quasselte irgendetwas von Scher-ben auf dem Boden. Es ist gewissenhaft abzuwägen, ob man mit den Ängsten dementer Patienten derart spielen darf, nur um sie nicht suchen zu müssen. Ich drückte ihr die Fernbedienung mit integrier-tem Notknopf in die Hand und stellte ihr Radio ein. Die Kopfhörer muss man eigentlich kaufen, aber ich hatte sie ihr aus schlechtem Gewissen gesponsert. Leider ertönte in unregelmäßigen Abständen fortan die Notklingel von Frau Kittel, während sie verzweifelt ver-suchte, ihre Mutter mit dem Bedienelement anzurufen. Wie sie mir auf Nachfrage jedes Mal erklärte. Noch in der selben Woche ging ich mit dem Pflegeschüler Furios gemeinsam zur Klingel, und er sagte ganz trocken zu Frau Kittel: »Deine Mama ist tot, Mann. Nicht den Knopf drücken, klar, Frau Kittel.« Sie fing an zu weinen, und ich erklärte ihm, dass man demente Patienten lieber bestätigen sollte, sonst würden sie nur noch angstbeladener durch die Gegend laufen.

Er lachte und wusste es vermutlich schon. »Aber es stimmt doch. Also!«, schmunzelte er.

Ich musste auch lachen, was echt nicht nett oder angebracht war, aber sein Gesichtsausdruck und seine Gesten waren zu komisch. Das wusste er natürlich und hielt mir seine Hand hin zum Abklatschen.

FELIX OTTO, geboren 1983 in Düsseldorf, gewann als Ruderer mit der deutschen Rudernationalmannschaft den Weltmeistertitel. Jetzt studiert er Humanmedizin und will mit seinem Erfahrungsbericht: "Wie geht eigentlich Krankenhaus?" etwas zur Verbesserung der Krankenversorgung beitragen. Mehrere Jahre lang war er als Aushilfskraft auf "Visite". Dabei hat er den Klinikbetrieb intensiv kennengelernt. Der obige Text ist aus einem Kapitel des Buches entnommen. 

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