Auf „Visite" im Krankenhaus – Teil 4: Die Chirurgische

"Wie geht eigentlich Krankenhaus?", fragt Medizinstudent Felix Otto und sucht in bester Günter Wallraff-Manier nach Antworten in den verschiedenen Abteilungen eines großen Klinikums. Exklusiv werden an dieser Stelle Auszüge aus seinem Debüt veröffentlicht.

Felix Otto

Früher Profisportler, heute Medizinstudent und Autor: Felix Otto

Ich: »Glauben Sie, dass der Patient in seinem Zustand wirklich einen Benefit vom geplanten Eingriff hat?« – Oberarzt der Chirurgie, süffisant lächelnd: »Es ist ja nicht gesagt, dass der Patient mit seinen vierundneunzig Jahren und einer neuen Hüfte nicht auf eigenen Beinen aus der Klinik marschiert. Auch wenn er seit sechs Jahren das Bett nicht wirklich verlassen hat.«

Die Chirurgen schnippeln, was das Zeug hält. Ich selbst bin ebenfalls begeistert von der Chirurgie. Es ist eine Tätigkeit mit hohen Erfolgserlebnissen für den Operateur selbst. Die Unfallchirurgie oder Sportmedizin bekommt in der Regel ein leichtes bis schweres Puzzle in Form von verunglückten Menschen auf den Tisch. Die Leidenden werden mal ambulant und noch viel lieber operativ wieder zusammengesetzt. Danach werden die Hände abgeklatscht, und alles ist in Butter. Vorausgesetzt, es wird sauber und gut gearbeitet. Aber ein, zwei Schnitte hier und eine solide Naht dort kann ja so schwer nicht sein. So zumindest die Traumvorstellung.

Boris Becker, Jean Claude van Damme oder Arnold Schwarzenegger - alle haben künstliche Gelenke oder Herzklappen.

In der sechsjährigen Facharztausbildung zum Unfallchirurgen und Orthopäden nach dem, im Idealfall, sechsjährigen Studium muss der Facharztanwärter bei vielen Operationen assistiert haben und letztlich zeigen, dass er sie selbstständig ausführen kann. Dafür braucht er aber auch Patienten, die in Operationen zur Verfügung stehen. Wo die Patientenmasse hernehmen, die vorgeschrieben ist, bis ich meinen Facharzt bekomme? Es gibt eigentlich nur einen Weg. Viel Propaganda und jedem, der nicht bei fünf das Krankenhaus verlassen hat, eine künstliche Hüfte oder Schulter verpassen. Das klingt im ersten Moment ganz witzig. Leider handelt es sich um grausamen Klinikalltag. Man findet bei jedem alten Patienten abgehobelten Knorpel auf den Gelenkflächen, der Schmerzen bereitet. Solange der Mensch in seinem Alltag nicht übermäßig eingeschränkt ist, muss der Gelenkverschleiß nicht zwingend therapiert werden. Die Ausnahmen sind genetisch Bevorteilte und Menschen, die sich wenig Schlechtes im Leben zugefügt haben. Auch übermäßiger Sport ist ein Gelenkkiller. Kein Hochleistungssportler würde behaupten, dass das, was er für den Weltmeistertitel oder Olympiasieg macht, gesund wäre. Die Folgen kommen im Alter. Schauen sie sich Boris Becker, Jean Claude van Damme und Arnold Schwarzenegger an. Alle haben künstliche Gelenke oder Herzklappen. Die Liste ließe sich endlos weiterführen. Was ich sagen will, ist, dass es jeden im Alter zwicken und zwacken wird. Den einen mehr, den anderen weniger. Es gibt kein Entkommen.

Ein Operateur kann sehr überzeugend sein. Auch wenn der ­Patient eine Suchmaschine zu Rate zieht, die bei jedem körperlichen Symptom alles anzeigen kann von völlig harmlos bis todbringender Krankheit. Es ist nicht schwer, die Argumente eines verwirrten ­Patienten auszuhebeln und ihn zu einer scheinbar notwendigen Operation zu überreden. Der Operateur lügt ja nicht mal. Er drückt sich nur so geschickt aus, dass er kein schlechtes Gewissen dem Patienten gegenüber haben muss. Er bleibt zwar bei der Wahrheit, denn der Patient hat Anzeichen für Verschleiß, aber redet eben auch die konservativen Alternativen klein, die ohne Operation manchmal ebenso gute Ergebnisse erzielen können. Wenn nicht sogar bessere. Denn immer wenn körpereigenes Gewebe weggenommen wird, dann entstehen Narben, die Einschränkungen nach sich ziehen. Mal gravierendere, mal weniger gravierende.

Fachsprache ist Trumpf

Seine Fachsprache ist immer noch der Trumpf, den ein Arzt in der Tasche hat. Das Latein und Altgriechisch wirkt einschüchternd und verblendet den Patienten beziehungsweise lähmt ihn kurzfristig. Denn nur wenige Patienten möchten vor dem Arzt im Zeitalter des Perfektionismus zu-geben, dass sie nichts von alledem verstanden haben, was an Behandlungsmöglichkeiten besprochen wurde. Viele schämen sich und fühlen sich dem Intellekt nicht gewachsen. Außerdem lernen wir als angehende Ärzte im Studium, Gespräche geschickt zu leiten. Wir lernen das professioneller als die alten Ärzte, die noch von ihrer Unnahbarkeit gegenüber den Patienten lebten. Wir müssen, mehr und mehr eingespielt, das Gespräch in eine Richtung zu manövrieren lernen, die alle Seiten zufrieden stellen wird. Vor allem eines ganz besonders, mir als Arzt Zeit ersparen und Geld eintreiben. Das üben wir mit echten Schauspielern in unserem Studium. Wer sich darauf einlässt und die Vorgehensweise perfektioniert, der wird einem Patienten später jede Scheiße andrehen können und dafür noch geliebt und bezahlt werden. Was in Größenwahn enden kann, wenn man nicht maßhält. Wie es immer mal wieder in der Presse zu lesen ist. Jüngst las ich einen passenden Fall in der Zeitung. Es ging um einige ­Urologen, die eine rechtliche Grauzone ausgenutzt haben sollen. Sie verordneten eine gewisse Untersuchung in so großer Zahl und stellten entsprechende Diagnosen, dass sie einige Millionen Euro von den Kassen erhielten. Die vielen einzelnen Folgebehandlungen einer großen Anzahl von Patienten läppern sich eben. Die Kassen haben oft keine Chance.

Die Masse macht es heute aus. In der Zeit der Pauschalbeträge sollte man Massenabfertigung betreiben und den Patienten möglichst krank entlassen, um ihn ans Haus zu binden. Da das Geschäft nirgendwo auf der Welt anders läuft, wird der Patient eher selten das behandelnde Haus wechseln, schließlich liegen alle Daten zu ihm vor und müssen nicht neu erhoben werden.

Eigentlich ist Sinn und Zweck der Gesprächsführung, die wir bei den Psycho- und Soziologen in der Uni lernen, dass wir als angehende Ärzte dem Patienten zuarbeiten müssen und gemeinsam mit ihm entscheiden, was das für ihn angenehmste Vorgehen wäre. Gleichzeitig bekommen wir von Ökonomen eingeprügelt, dass wir vor allem wirtschaftlich arbeiten sollen und rechtlich bitte immer abgesichert handeln mögen. Im Krankenhaus ist das nicht mehr ohne hohe finanzielle Risiken möglich, beide Aspekte unter einen Hut zu bekommen. Es ist noch gar nicht lange her, da traf der Arzt die alleinige Entscheidung im Namen des Patienten. Er entschied, was gut für ihn war, und der Patient fügte sich dem ohne Gegenwehr. Bedenken wurden schnell vom Arzt zerschlagen. Heute ist das schwieriger. Gerade mit den jüngeren Patienten. Die alten sind immer noch gelähmt vom weißen Kittel, wenn er das Zimmer betritt. Nach dem Besuch und Gespräch mit dem Operateur weiß der Patient wie gesagt oft nicht mehr, was eben besprochen wurde. Die Aufklärungsbögen sind alles andere als klar verständlich. Patienten schauen sich erst die schönen Grafiken an. Anschließend versuchen sie ihr Glück und beginnen zu lesen. Kombiniert mit der Situation wird schnell aufgegeben. Spätestens beim Unterpunkt Komplikationen wird die Stirn gerunzelt und zugeklappt. Sollten tatsächlich Fra-gen zum Bogen notiert werden, erscheint sowieso kein richtiger Facharzt mehr.

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