Auf „Visite" im Krankenhaus – Teil 3: König Chefarzt

Der berühmte Teufelskreis, der mir im Studium allzu oft begegnet und jeden Patienten verstummen lässt.

Frau Mangel lächelte, den Kopf hin und her schwenkend. Sie ­lächelte verzweifelt. Nickte aber schließlich. Das war das klare Zeichen für die Gruppe, zum nächsten Bett zu ziehen. 

Glauben Sie ja nicht, dass der Chefarzt den Patientennamen im Kopf hatte. Entweder er bekommt ihn von den Assistenzärzten, was den Idealfall darstellt, oder er liest ihn rasch am Bettschild ab. Wehe, es hängt kein Schild am Bett.

Frau Mangel unterschrieb im Übrigen in Rücksprache mit ihrer Tochter, die dem Arzt ebenfalls blind vertraute, schließlich ist es der Chefarzt, die Narkoseaufklärung, und fertig war der Weg zur neuen Hüfte im Alter von vierundneunzig Jahren. Auf die Beine ist sie meines Wissens auch damit nicht mehr gekommen. Aber wen störts. Der Chefarzt bekommt mit Sicherheit keinen Hassbrief einer Vier-undneunzigjährigen. Die Angehörigen reden sich den Verlauf schön.

»Na ja, die Mama ist ja schon vierundneunzig, da ist der Lack ab. Ist doch ein stolzes Alter. Da muss ich erst mal so hinkommen.«

Denken wird die Tochter wohl eher: Ob das in ihrem Alter noch so gut ist? Hoffentlich passiert nichts und der Arzt hat recht!

Eine Schar Assistenzärzte folgt dem Chefarzt

Die Chefarztvisite für alle Patienten findet im Übrigen je nach Fachrichtung einmal pro Tag bis einmal pro Woche statt, und er wird begleitet von einer Schar Assistenzärzte. Diese sollen etwas lernen, und der Chefarzt will sich darüber hinaus ein Bild über die Patienten der Station verschaffen. Wie das gehen soll, wenn Patienten kommen und gehen, ist mir noch schleierhaft. Denn in der nächsten Woche ist die Station wieder zu achtzig Prozent ausgetauscht. Die Einzigen, die den Chefarzt öfter zu Gesicht bekommen, sind die Privatpatienten und Zusatzversicherten, zumindest die mit der Zusatzversicherung CA, wie es immer so schön in der Akte und Datenbank vermerkt ist. Wenn ich mal Dienst in der Ambulanz habe, dann sind mir die Patienten am liebsten, die einem sofort ihre Chefarztversicherung unter die Nase reiben.

»Wenn ich heute hier bleiben muss, dann möchte ich auch mein Einzelzimmer mit Chefarztvisite. So wie ich auch dafür bezahle.«

Dass der Patient bei der Kasse dafür zahlt, ist zwar keine Garantie dafür, dass auch tatsächlich alle Optionen erfüllt werden können, aber der Privatversicherte möchte eben sein teuer verdientes Geld in Form von Sonderleistungen zurückhaben. Wenn der Patient wüsste, dass es bei uns Jacke wie Hose ist, wer behandelt. Zugegebenermaßen, die Zimmer der Privatpatienten sind »noch« deutlich angenehmer. Ich sage »noch«, weil unser Haus im Umbau ist. Wir bekommen durchgängige Riesenstationen. Aber dafür liegen auch in jedem Zimmer höchstens zwei Patienten. Nicht wie bisher drei bis vier.

Der Chefarztversicherte verspricht sich dennoch eine Sonderbehandlung. Er glaubt fest daran, dass sich das viele Geld, das jeden Monat in die Versicherung fließt, endlich auszahlt. Er erhofft sich, ein Stück Pyramidenspitzenluft zu schnuppern.

»Ach, und der Chefarzt war ja heute schon da.«

Besonders schön finde ich den Satz vom Patienten zum Angehörigen am Telefon oder im Zimmer: »Ach, und der Chefarzt war ja heute schon da.«

Wenn er nicht kommt, dann wird im Übrigen so oft geklingelt in regelmäßigen Abständen, bis der Chefarzt endlich da war. Wenn nicht, dann ist das Krankenhaus eben scheiße.

Ehrlicherweise muss ich aber auch sagen, dass der Chefarztposten doch irgendwie die Arschkarte mitbringt.

Wie im wahren Leben kann und darf man es nicht allen Menschen recht zu machen versuchen. Die eigene Linie ist sehr wichtig. Ich denke, kein Chefarzt ist daran interessiert, seine Station in Verruf zu bringen oder schlechte Kritiken zu ernten. Der eigene Name ist den meisten zwar ebenfalls sehr wichtig, aber wer geht nicht gerne zu einem renommierten Chefarzt in Behandlung? Man zahlt so oder so einen hohen Preis auf dem Chefarztposten. Die ständige Erreichbarkeit ist wie eine zweite Ehe neben der eigenen, vorausgesetzt, man ist nicht direkt mit seinem Job verheiratet. Das wiederum birgt die Gefahr, sich in das Klinikgeschehen zu verrennen. Die Ungebundenheit wird als strategischer Vorteil gesehen, der sich am Lebensende immer als Irrtum herausstellt. Vor allem, wenn man als Frau auf die Gründung einer Familie verzichtet hat. Auch ein Ein-frieren der Eizellen wird nicht ohne große Konflikte mit sich und dem Nachwuchs zu bewältigen sein.

Oben ist die Luft sehr dünn

Im Nachtdienst, den ich selten habe, stelle ich vor allem die Bereitschaft des Chefarztes der Radiologie infrage. Mir ist schleierhaft, wie er überhaupt Erholung finden kann bei der Masse an Anrufen, die er erfährt. Aber gerade bei akuten Problemen und Unfällen sind seine Meinung und sein Fachwissen lebensrettend.

Der Grat zwischen Verständnis und Ignoranz, auf dem der Chefarzt wandelt, um die Interessen von Patienten und der Klinikleitung zu vertreten, ist schmal. Darüber hinaus in meinen Augen nur wenigen Menschen anzuraten. Meist lehnen die, die den Posten innehaben sollten, logischerweise ab oder werden ausgebootet.

Es ist eben wie mit der Pyramide. Ich muss, um ein großes Fundament und eine stabile Basis auszustechen, auf dem Weg nach oben fast schon kriminelle Energie in Perfektion besitzen. Oben ist die Luft sehr dünn, und die vertragen nur die wenigsten. Viele wollen sie aber wenigstens einmal geschnuppert haben.

FELIX OTTO, geboren 1983 in Düsseldorf, gewann als Ruderer mit der deutschen Rudernationalmannschaft den Weltmeistertitel. Jetzt studiert er Humanmedizin und will mit seinem Erfahrungsbericht: "Wie geht eigentlich Krankenhaus?" etwas zur Verbesserung der Krankenversorgung beitragen. Mehrere Jahre lang war er als Aushilfskraft auf "Visite". Dabei hat er den Klinikbetrieb intensiv kennengelernt. Der obige Text ist aus einem Kapitel des Buches entnommen. 

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