Auf „Visite" im Krankenhaus – Teil 3: König Chefarzt

"Wie geht eigentlich Krankenhaus?", fragt Medizinstudent Felix Otto und sucht in bester Günter Wallraff-Manier nach Antworten in den verschiedenen Abteilungen eines großen Klinikums. Exklusiv werden an dieser Stelle Auszüge aus seinem Debüt veröffentlicht.

Felix Otto

Früher Profisportler, heute Medizinstudent und Autor: Felix Otto

Wenn der Chefarzt einer Fachrichtung den Pflegekräften wohlgesinnt ist, erfahren diese auch meist von den Anordnungen, die er beim Visitenrundgang in die Akten gekritzelt hat. Die Schrift des Chefarztes ist so flüchtig und unleserlich wie sein Erscheinungsbild auf Station. Oft fragen sich die Pfleger untereinander, ob der Chef schon da gewesen sei. Viele Chefärzte bewegen sich unscheinbar wie eine Katze. Sie kommen und verschwinden ungesehen, als hätten sie ein Gespür dafür, wann sie unbemerkt die Anordnungsbögen vollkritzeln können. Problem ist nur, dass der Ärger bei den Pflegern vorprogrammiert wird. Ein paar Stunden später kommt ein Anruf des Assistenzarztes im Auftrag des Chefarztes mit der Frage nach dem Blutwert, der angeordnet wurde; die Ergebnisse kann er übrigens auch selbst am Computer abrufen. Die Pflegekraft klickt wie wild in der elektronischen Patientenakte herum. Der Blick der Schwester schwankt zwischen Angst, Wut und Ratlosigkeit. Ergebnis? Kein Ergebnis vorhanden, da keine Blutabnahme stattgefunden hat. Denn die Anordnung wurde nicht ausgearbeitet, da kein Wissen über die vorherige Anwesenheit des Chefarztes existierte. Die Schwester konnte keine Blutröhrchen vorbereiten und der Assistenzarzt somit keine Abnahme durchführen.

Wo liegt das Problem?

Für mich ist es schwierig, die Wurzel des Problems zu packen. Ist es die erschlagende Menge an Tätigkeiten, die den Pflegekräften ab und an die Orientierung rauben, oder die fehlende soziale Kompetenz des Chefarztes, oder der Boykott der Schwestern gegen die fehlende Kommunikation? Es ist vermutlich wieder einmal eine Mischung aus allem. Wenn ich mitbekomme, dass der Chefarzt bei einem Patienten war, dann schaue ich mittlerweile in die Akte und nehme das Blut bei Anordnungen selbst ab. Zum einen, weil es mir Spaß macht und ich so meine Fähigkeiten am Rande des Studiums verbessern kann, und zum anderen, um dem vorprogrammierten Ärger entgegenzuwirken. Oft behaupte ich bei den Schwestern, die das Blutabnehmen übrigens zu neunundneunzig Prozent verweigern, der Chefarzt habe mir Bescheid gegeben, er habe wenig Zeit gehabt. Dann kommt meist zwar ein leises Knurren, aber dann doch die Einsicht, sich nicht darüber aufzuregen, auch wenn er der Examinierten hätte Bescheid geben müssen. Ich arbeite einfach zu gerne in einem angenehmen Arbeitsklima. Manche brauchen die Hitze und Spannung in der Luft. Ich aber liebe das Teamwork, das selten anzutreffen ist, da jeder mit sich und seinen Problemchen zu kämpfen hat.

Nicht selten vergisst der Chefarzt auch eine Anordnung zum Tablettenwechsel. Der Patient ist dann nach langer Wartezeit erbost und klingelt. Schließlich hat der Chefarzt ihm seine Tablette versprochen. Woraufhin die unwissende Pflegekraft ins Zimmer tritt und dummerweise freundlich nachfragt, was es denn gebe. Der Patient raunzt rum und weist nur darauf hin, dass er jetzt seine Tablette brauche, die ihm der »Chefarzt« verordnet habe. Der habe schließlich versprochen, dass eine Schwester gleich Ersatz bringt. Der Pfleger ist natürlich nicht erfreut. Zudem wird ihm die Freundlichkeit als Verschleierungstaktik seines Unvermögens vorgehalten.

Letztendlich bin ich dann gefragt, schnellstmöglich die fehlende Tablette zu besorgen, denn manche Schwester denkt sich nicht »scheiß der Hund drauf«, sondern »den lass ich am langen Arm verhungern«. Ich mache mich dennoch auf die Suche auf anderen Stationen, wenn die Tablette nicht vorrätig ist, und nehme gleich Archivmaterial und Kopiermaterial mit, das noch verteilt werden muss, damit ich nicht zweimal laufe.

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Während der Chefarztvisite steht der möglichst sicher im Boden verankerte Chefarzt vor dem Bett des Patienten, der eben noch zwanzig Fragen hatte. Die sind aber schon bei der Begrüßung wie vom Winde verweht. Der Chefarzt redet meist um ein Vielfaches länger als der Patient und befindet sich zudem nur ein paar Minuten im Zimmer. Wenn überhaupt. Wie oft und mit Fremdschämen beobachtet, wurde ich Augenzeuge einer Standardszene: »Hallo Frau Mangel. Was gibt’s Neues?«

Die Frau lächelte nickend und holte aus, um zu reden. Eins dieser typischen alten Mütterchen, die keinen blassen Schimmer haben, was die weißen Kittel gerade gesagt haben, und einfach nur unter-schreiben und vertrauen. Der Chefarzt drehte sich allerdings bereits zu dem Assistenten um, der so tat, als ob er ganz geschäftig die Akte der Patientin wälzte. Er fragte diesen, direkt das Wort der Pa-tientin abschneidend: »Gibt’s was Neues hier? Nein, oder?«

»Na ja, die Narkoseaufklärung ist noch nicht unterschrieben.«

»Wie nicht unterschrieben?« Er wendete sich wieder an die Patientin, die mit offenem Mund und ihren Händen ausholte, um zu ihren Bedenken zu kommen.

»Sie müssen unterschreiben, Frau Mangel. Ich habe Ihnen doch gesagt, dass Sie die neue Hüfte brauchen. Die alte ist kaputt. Ihr Knorpel ist aufgerieben wie ein Radiergummi auf dem Asphalt. Seien Sie doch vernünftig. Mit der Hüfte kommen Sie nicht mehr auf die Beine.«

Frau Mangel wollte wieder etwas sagen. Der Chefarzt wendete sich allerdings wieder seinem Aktenträger zu und entriss ihm die Papiere. Er suchte wie wild die Blutwerte der letzten Untersuchung und sagte diesem, ohne ihn anzusehen: »Wo sind die Blutwerte der Frau? Suchen Sie die mal raus.«

Der Assistenzarzt bekam die Papiere zurück in die Hand gedrückt. Es fielen ein paar Unterlagen heraus. Er suchte erst hektisch das Blutbild raus und bückte sich schließlich, um die heruntergefallenen Aktenblätter aufzuheben. Dabei stieß er ungeschickt mit dem Hintern an den Zimmerstuhl und schließlich mit dem Kopf ans Patientenbett. Die anderen Assistenzärzte rangen um Fassung, fummelten an ihren Kitteln rum oder kicherten in der letzten Reihe.

Der Chefarzt schaute auf das Blutbild, während die Patientin es doch tatsächlich schaffte, ein paar Worte zu sagen. Der Chefarzt war wieder schneller und reichte das Stück Papier nach einem Zweisekundenblick nach hinten durch, die Augen fest auf Frau Mangel gerichtet. Er murmelte dabei etwas wie: »Sieht doch gut aus. Wir müssen jetzt schnell operieren.«

Dann wurde er lauter und redete eindringlich auf Frau Mangel ein.

»Ihr Hämoglobinwert sieht gut aus. Wenn wir noch länger warten, dann wird das vielleicht nichts mehr. Sie sind ja schon mehrfach gestürzt. Wenn Sie hier jetzt noch länger liegen und überlegen, dann werden die Blutwerte schlechter, und wir haben den Salat. Dann bauen Sie ab, und ein Teufelskreis beginnt.«

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