Auf „Visite" im Krankenhaus – Teil 2: Die Innere

"Wie geht eigentlich Krankenhaus?", fragt Medizinstudent Felix Otto und sucht in bester Günter Wallraff-Manier nach Antworten in den verschiedenen Abteilungen eines großen Klinikums. Exklusiv werden an dieser Stelle Auszüge aus seinem Debüt veröffentlicht.

Felix Otto

Früher Profisportler, heute Medizinstudent und Autor: Felix Otto

Gleich unter der Privatstation befindet sich das Tor zur Hölle. Die Innere. Das ewige Minusgeschäft unseres Krankenhauses, der Lagerraum für Altenheime und das Auffangbecken für Menschen, die eigentlich alle in psychiatrische Behandlung gehören, wenn sie es nicht schon sind.

Auf der Inneren arbeitet ein wirklich nettes und aufgeschlossenes Team von Pflegekräften. Wären nicht immer diese Massen an Infusionen anzuhängen. Wäre da nicht die Klingelweltmeisterschaft unter den Patienten. Wäre da nicht die Masse an alten Leuten, die überhaupt nicht ins Krankenhaus gehören, sondern in ihr Heim, und wäre da nicht jeden Morgen im Frühdienst die hohe Anzahl derer, die komplett im Bett gewaschen werden müssen. Dann würde ich sogar gerne auf dieser Station arbeiten. Die Innere ist das beste Beispiel dafür, dass Pflegekräfte alleine gelassen werden. Es ist nicht logisch, dass auf einer so anstrengenden Station genauso nur eine Pflegekraft im Nachtdienst eingesetzt wird wie auf der Hals-Nasen-Ohren-Station. Während die Hölle den ganzen Tag über und besonders in der Nacht auf der Inneren brennt, herrschen, rein atmosphärisch, paradiesähnliche Verhältnisse auf der HNO. Während dort lediglich kontrolliert werden muss, dass auch alle Patienten brav schlafen und keine allzu blutigen Verbände und Pflästerchen haben, weiß die Pflegekraft auf der Inneren gar nicht mehr, wo oben und unten ist. Der Nachtdienst fängt einfach irgendwo an und hofft, ein möglichst großes Pensum bis zum Frühdienst geschafft zu haben.

Es bimmelt und bimmelt und bimmelt

Auf der Station klingelt es wirklich ununterbrochen. Den ganzen Tag hindurch. Auf dem Flur stehen grundsätzlich ein bis zwei Betten, da hier eine Überbelegung herrscht. Zudem kommen die ganzen Fälle aus den Heimen, die allein aufgrund von Verdacht auf Diarrhöen und Besiedlung mit dem MRSA-Keim isoliert werden müssen. Dann belegt ein Patient mit MRSA ein Dreibettzimmer, ein weiterer ein Dreibettzimmer mit 3- oder 4MRGN, und ein dritter kommt auf das einzige Einzelzimmer der Station, weil er im finalen Stadium dahinstirbt oder mit Durchfällen zu kämpfen hat.

Wobei die Zimmer mit Durchfällen oft voll gefüllt werden können, da die betroffene Person meist aus dem Heim kommt und bereits andere Mitbewohner angesteckt hat, die dann nach und nach eintreffen.

Auf der Inneren werden mit Abstand die meisten Tabletten verschrieben und ausgeteilt, beziehungsweise vorbereitet. Es ist völlig normal, wenn ich beim Verteilen des Frühstücks für die Patienten im Schnitt zehn bis fünfzehn Tabletten ausdrücken muss. Die einen schaffen es kräftemäßig nicht mehr, die Tabletten aus der Packung zu bekommen, was schon absurd ist. Die anderen bekommen ihre Tabletten mit ein wenig Pudding oder Joghurt eingeflößt, direkt zermahlen im Trinkbecher oder aus einer 50-Milliliter-Spritze über den künstlichen Magenzuführer, eine PEG-Anlage, reingepumpt.

Da der Nachtdienst nicht schon genug zu tun hat, wurde die Aufgabe des Vorsortierens der im Schnitt dreihundert zu verteilenden Tabletten für den nächsten Tag auch an ihn übergeben. Die Infusionen, die auf der Inneren verteilt werden, wären zum Großteil überflüssig, wenn man die Zeit hätte, den Patienten Flüssigkeit über den Trinkbecher zuzuführen, oder ihm helfen würde, den Vorgang wieder zu erlernen. Die Zeit ist aber nicht da. Es ist ja nicht mal Zeit da, den Patienten die Infusionen, die über den Tag angeordnet sind, anzuhängen. So werden viele vorbereitete Infusionen am Bett hängen gelassen und nicht verabreicht. Sie müssen weggeschmissen werden. Und das sind nicht wenige. Es wird ein Haufen Geld an Medikamenten und Materialien verworfen. Die einzige Infusionsart, die versucht wird möglichst gewissenhaft anzuhängen, sind die Antibiosen. Die leer gelaufenen Flaschen der Infusionen baumeln letztlich bis zur nächsten Verabreichung am Ärmel des Patienten. Schlimm ist, dass die vielen alten Menschen, die gar nicht wissen, was mit ihnen geschieht oder wo sie sich befinden, an den hängenden Kabeln ziehen wie verrückt. Sie versuchen, den Fremdkörper zu entfernen. Ergebnis ist, dass es jeden Tag eine große Anzahl neu zu legender venöser Zugänge gibt, die der zuständige Arzt natürlich selten, aus Zeitmangel, rechtzeitig legen kann. Wer keinen Zugang hat, der kann auch keine Infusion erhalten. Die Infusionen werden aber trotzdem fleißig vom Personal vorbereitet und liegen dann rum. Ein weiterer Teufelskreis. Immer dann, wenn ich Dienst auf der Inneren Station hatte, bin ich die Zugänge und Blutabnahmen selbst abarbeiten gegangen. Mich haben der Oberarzt und auch der Chefarzt der Inneren schon früh angeleitet und mir die Erlaubnis erteilt, bei ausreichend Zeit, Blutabnahmen und Zugängelegen zu übernehmen. Was ich bisher gerne tat. Denn im Studium lerne ich das nicht in der Masse wie in meinen Krankenhausdiensten.

 

Das Hauptziel des Frühdiensts ist es, möglichst viele von den zu waschenden Patienten bis zum Spätdienst erledigt zu haben. Auf der Inneren Station können die Pflegekräfte im Frühdienst als einzige nicht noch bis sieben Uhr quatschen. Nach der schnellen Übergabe geht es am besten direkt los. Sonst ist das Frühstück nach dem Waschen bereits eine Stunde auf dem Flur. Das Frühstück kommt gegen acht Uhr vom Hol- und Bringedienst aus der Küche auf Station. Es wird wie gesagt mit einem lauten »FRÜHSTÜCK«-Ruf angekündigt. Ich habe mir angewöhnt, wenn wir noch waschen und das Frühstück schon da ist, es erst an alle Zimmer zu verteilen, die schon fertig sind. Leider können viele Patienten nicht mehr selbst ihr Essen zubereiten und zu sich nehmen, müssen also gefüttert werden. Also bringt meine Vorgehensweise auch nicht wirklich viel. Die Essenstabletts sind nur bereits im Zimmer und müssen nicht mehr verteilt werden. Ich denke, es gibt keine perfekte Lösung auf der Inneren. Wir verteilen grundsätzlich kein Essen in den Zimmern, in denen noch gewaschen wird. Wir möchten keinem Bettnachbarn, der sich gerade ein Brötchen schmiert, zumuten, auf einen nackten alten Hintern oder ein offen präsentiertes Geschlechtsteil blicken zu müssen.

Oft stoppen wir die Waschvorgänge und kümmern uns erst mal ums Essen. Das ist meist am Wochenende der Fall, wenn keine Untersuchungen vorliegen. Ein Patient, der unter der Woche nicht bis halb zwölf gewaschen wurde, wird auch an diesem Tag nicht mehr gewaschen. Es ist einfach zu viel zu tun. Am Wochenende kann man sich schon mal nach dem Frühstück wieder den Waschvorgängen widmen und es etwas ruhiger angehen lassen.

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