Anatomie im Livestream

Ob Stream oder Video: Anatomie-Vorlesungen können Studierende in Mainz ganz einfach zu Hause verfolgen.

Studentin vor dem Laptop

Keine Anwesenheit im Hörsaal ist mehr notwendig, wenn die Vorlesung live übertragen wird | vectorfusionart/Fotolia

Verschlafen, krank, keine Betreuung für das Baby? Anatomievorlesungen kann man auch vom Sofa aus oder gemeinsam in einer Lerngruppe vor dem Laptop verfolgen. Für Medizinstudierende in Mainz jedenfalls ist das nichts Ungewöhnliches. Seit fünf Jahren können sie mehrere Hauptvorlesungen des Instituts für Funktionelle und Klinische Anatomie im Livestream oder als Video verfolgen. Nicht wenige Studierende nutzen das: An den Anatomie-Vorlesungen nehmen simultan bis zu 400 Studierende teil, wie Institutsleiter Prof. Dr. med. Erik Schulte berichtet.
Was sind die Vorteile? „Ich habe meine Ruhe, kann konzentriert zuhören und werde nicht durch Unterhaltungen von Kommilitonen gestört“, sagt Daniela Gröschke, die im zweiten Fachsemester Medizin studiert und die Netzvorlesungen regelmäßig nutzt: Auch Leonie Jonas, Studentin im zweiten Semester, nutzt das Angebot gerne: „Für Kommilitonen mit langem Anfahrtsweg spart die Netzübertragung Zeit, die Vorlesungen können jederzeit und auch wiederholt gesehen werden.“ Für Cathleen Moll, ebenfalls Studentin im zweiten Fachsemester, sind die Netzvorlesungen eine unschätzbare Hilfe, denn die angehende Medizinerin ist stark schwerhörig: „Mir ist es auch mit neuesten technischen Hilfsmitteln nicht möglich, eine Vorlesung im Hörsaal sinnvoll zu verfolgen. Ich würde dabei nur einen kleinen Teil mitbekommen und müsste mir sonst den gesamten Stoff aus Büchern aneignen, was aber nicht der eigentliche Sinn des Lehrbetriebs ist. Ich höre mir mit meinen Hörhilfen – Hörgerät und Streamer – die Vorlesungen an und wenn ich etwas akustisch nicht verstanden habe, spule ich zurück. Ich würde mir wünschen, dass auch andere Institute ihre Vorlesungen ins Netz stellen.“

Ein kleiner Hörsaal machte die Netzvorlesungen notwendig.

„Geboren ist die Idee der Vorlesungen im Netz eigentlich aus der Not heraus“, berichtet Schulte. „Vor fünf Jahren wurde unser großer Hörsaal umgebaut und wir mussten die Vorlesungen in einen kleineren Hörsaal verlegen. Da passten nicht alle Studierenden hinein“, so Schulte. Eine Videoanlage wurde gekauft, die Vorlesungen aufgenommen, simultan übertragen und ins Intranet der Fakultät gestellt. Dabei ist es geblieben: Schulte und seine Kollegen Rainer Spessert und Thomas Müller stellen ihre Vorlesungen mit Unterstützung eines studentischen Mitarbeiters ins Netz.
Auch wenn es an anderen Unis, etwa in Ulm, Frankfurt oder Mannheim, einzelne Vorlesungsreihen gibt, die als Videos über das jeweilige Intranet abrufbar sind – das Projekt von Schulte und Kollegen gibt es anderswo in diesem Umfang nicht. In Ansätzen ähnlich ist allenfalls die Tübinger „sectio chirurgica“, wo OP-Verfahren an Verstorbenen demonstriert werden. „Das ist allerdings keine Übertragung aus dem Hörsaal, sondern eine TV-Produktion“, sagt Schulte. Auch in Österreich oder der Schweiz gibt es nichts Vergleichbares. In den USA und Australien hingegen sind Netzvorlesungen verbreiteter. Der Größe der Länder geschuldet werden dort viele Vorlesungen live übertragen.
Im Vergleich mit den USA oder Australien hinkt Deutschland hinterher. Ob das damit zu tun hat, dass das Netz nicht vergisst? „Mache ich in der Vorlesung einen Fehler, steht der im Netz bis ans Ende aller Tage“, sagt Schulte. Und fügt hinzu: „Aber das Schlimme ist nicht, dass es im Netz steht, sondern dass ich den Fehler überhaupt gemacht habe. Das muss ich ja auch vor den im Hörsaal präsenten Studierenden verantworten. Fällt mir in der Vorlesung ein eigener Fehler auf, sage ich das in der Folgevorlesung und korrigiere es – für die Studierenden im Saal und für die Studierenden am Video. Mit diesem Vorgehen komme ich persönlich gut zurecht.“ Schulte hat das Gefühl, dass ihn die Aufzeichnungen diszipliniert hätten: „Man wählt sehr genau aus, was man sagt, wenn man einen kritischen Punkt anspricht.“

Als Nachteil sieht Schulte, dass am Laptop nicht direkt Fragen gestellt werden können.

„Studierende im Hörsaal fragen viel“, ist seine Erfahrung. Doch diejenigen, die die Streams nutzen, haben damit wenig Probleme: „Die Professoren sind immer offen für Fragen, deshalb fällt es nicht schwer, sie in der Uni persönlich anzusprechen, auch im Präpariersaal trifft man sie zweimal wöchentlich“, sagt Gröschke. Eine andere Möglichkeit sei, einfach eine E-Mail zu schreiben. „Meine Fragen per Mail werden immer sehr ausführlich, zufriedenstellend und zeitnah beantwortet.“ Manche Fragen von Studierenden per E-Mail würden auch in der nächsten Vorlesung nochmals vom Professor angesprochen und erläutert, sodass jeder von den Fragen der Kommilitonen profitieren könne. Gröschke schaut sich die Vorlesungen manchmal auch zusammen mit anderen Studierenden an – zur Wiederholung.
Seit 2011 lassen sich Schulte und seine Kollegen bei ihren Vorlesungen filmen. „Ich habe mir von Anfang an bewusst gemacht, dass ich gefilmt werde und nicht versucht, das zu ‚verdrängen‘. Ich beginne auch die Vorlesung damit, dass ich neben den Studierenden im Hörsaal auch die ‚Heimzuschauer‘ direkt begrüße. Es ist auch schon vorgekommen, dass ein Heimzuschauer einen Studierenden, den er kennt und der im Hörsaal anwesend ist, anruft, um eine Frage stellen zu lassen“, berichtet Schulte. Verunsichert habe er sich nie gefühlt. Aufpassen müsse man allerdings, dass man nicht aus dem Kamerabereich herauslaufe, wenn man etwas demonstrieren will: „Sonst sehen das die Leute zuhause nicht.“

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Ein Screenshot der Übersichtsseite der App Lass mal kreuzenEin Screenshot einer Lernseite der App Lass mal kreuzenEin Screenshot der Prometheus-App mit Bildern der Anatomie des Kopfes

Was ihn allerdings noch immer ein wenig stört: „Normalerweise ist der Hörsaal sehr voll, und ich finde es schön, vor einem großen Publikum zu sprechen.“ Doch durch die Onlineverfügbarkeit habe sich die Zahl der Studierenden im Hörsaal um die Hälfte reduziert. „Diese ‚Leere‘ im Hörsaal war anfangs etwas gewöhnungsbedürftig.“
Für die Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd) ist die zunehmende Digitalisierung des Lernens immer wieder Thema, weil sie „Freiräume und eine Vernetzung und Kooperation innerhalb der Medizinstudierendenschaft ermöglicht“, erklärt Carolin Siech, Sprecherin der bvmd. Aufgezeichnete Vorlesungen, Onlinesimulationen und Kurzfilme zu praktischen oder theoretischen Fertigkeiten stuft Siech als technisch attraktive Wege ein, den Studierenden Lehr- und Lerninhalte innovativ zugänglich zu machen. Sie fügt hinzu: „Die Gelegenheit, Gelerntes mehrfach zu üben und so stärker zu festigen, kann, richtig eingesetzt, zur Weiterentwicklung des Medizinstudiums beitragen.“ Sie sagt aber auch: „Wir weisen darauf hin, dass der Ausbau und die intensivere Nutzung elektronischer Lerntechnologien keinesfalls das reelle Betreuungsverhältnis zwischen Dozierenden und Studierenden beeinträchtigen darf, sondern unterstützen soll.“

Einer, der seit Jahren seine Vorlesungen live streamt, ist Prof. Dr. phil. Rolf Steyer.

Er hat an der Universität Jena den Lehrstuhl für Psychologische Methodenlehre und Evaluationsforschung inne. Seine Befürchtungen, dass sich die Netzvorlesungen negativ in den Leistungen widerspiegeln würden, haben sich nicht bestätigt. Herkömmliche Vorlesungen hält er für anachronistisch: Die jetzigen technischen Möglichkeiten stellten eine technische Revolution dar und seien mit der Erfindung des Buchdrucks vergleichbar. „Wissen zu vermitteln und dafür zu sorgen, dass es jederzeit erworben werden kann, ist doch die wichtigste Aufgabe einer Bildungseinrichtung wie der Universität“, sagt er. Werden andere Unis nachziehen? Die Studierenden sind zuversichtlich: „Wir leben in einer Zeit des technischen Fortschritts. Langfristig werden daher sicher auch andere Institute auf die moderne technische Variante zurückgreifen“, meint Jonas. Auch Institutsleiter Schulte sagt: „Ja, ich denke, die großen Vorteile überwiegen die Nachteile bei Weitem, und langfristig wird sich das mehr und mehr etablieren.“

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