Interview: Wie komme ich im Klinikalltag zurecht?

Dr. Ulrike Schlein bietet bei den Operation Karriere-Kongressen regelmäßig Workshops an. In Hamburg leitete sie das Seminar "Neu in der Ärztlichen Rolle – Herausforderung in der interprofessionellen Zusammenarbeit". Im Interview erklärt Frau Schlein, worum es im Workshop geht und was ihn besonders macht.

Workshop Dr. Schlein

Dr. Ulrike Schlein leitet bei den Operation Karriere-Kongressen interaktive Workshops. | Reinhart

Frau Dr. Schlein, welcher Grundgedanke steckt hinter dem Workshop “Neu in der ärztlichen Rolle – Herausforderung in der interprofessionellen Zusammenarbeit?“
Schlein:
Den Workshop gibt es bereits seit einigen Jahren, doch jede Veranstaltung ist anders und wird auf die Teilnehmergruppe individuell angepasst. Die Idee ist, interaktiv mit den jungen Kolleginnen und Kollegen zu arbeiten. Junge Mediziner haben zu Beginn ihrer klinischen Tätigkeit einige Herausforderungen zu meistern. Technische Fertigkeiten, Umsetzen von Therapiekonzepten, operatives Know-how. Das ist von Fachgebiet zu Fachgebiet unterschiedlich.

Aus meiner Sicht als langjährige Medizinerin ist jedoch etwas anderes eine noch viel größere Herausforderung: Wie komme ich im Klinikalltag zurecht und in welcher Rolle bin ich mit wem im Kontakt? Was wird von mir als junge Ärztin bzw. junger Arzt erwartet? Die Erwartungen von ärztlichen Kollegen, Pflegekräften, Therapeuten aber auch Patienten und deren Angehörigen können zum selben Zeitpunkt komplett entgegengesetzt sein. Ein Beispiel: Der OP ruft den jungen Arzt zur Assistenz, gleichzeitig wollen Angehörige etwas besprechen, die Pflegekraft benötigt eine Information, die Blutabnahmen sind noch nicht getätigt. Wie soll sich der Berufsanfänger entscheiden? Der Workshop sensibilisiert für das Handeln in der professionellen Rolle.

Wie kann eine junge Ärztin ihre Erwartungen aus der Doppel-Rolle als Weiterbildungsassistentin und gleichzeitig Mitarbeiterin einer Abteilung an ihren Chefarzt oder ihre Chefärztin formulieren? Was erwartet der Vorgesetzte von ihr als Weiterbildungsermächtiger, was als organisatorisch verantwortlicher Leiter einer Abteilung?

Ein weiteres Beispiel für ein Verhalten im Arbeitsumfeld, das sich unterscheidet von Interaktionen im universitären Umfeld: Die Studenten duzen sich in der Regel. Wenn sie in der Klinik junge Pflegekräfte duzen, ist das völlig okay. Wenn sie aber eine gestandene Pflegekraft, die schon viele Jahre berufstätig ist, duzen, dann kann das sehr schräg ankommen. Denn Führungskräfte in der Pflege siezen häufig auch ihre Mitarbeiterinnen. Ein Kritikgespräch auf der "Sie-Ebene" ist einfacher als eines mit einem Mitarbeiter, mit dem sich die Führungskraft duzt. Deshalb ist es besser, erst einmal den Umgangston zu erforschen und eine professionelle Distanz zu wahren.

Was war das Besondere des Workshops in Hamburg?
Schlein: In Hamburg gab es die Möglichkeit, mit einer Simulationspatientin bzw. Simulationskollegin zu arbeiten. Viele kennen diese Methode, die vor allem das Feedback aus der Rolle in den Mittelpunkt stellt. So kann der Rollenspieler eine Rückmeldung bekommen, wie sein Handeln und seine Worte auf den Gegenüber gewirkt haben.

Beispielsweise spielte meine "Simulationsmitarbeiterin", Frau Diederich, eine Pflegekraft und die Medizinstudierenden versuchten aus ihrer Perspektive, mit dieser Pflegekraft in Kontakt zu treten. Wie können sie der Pflegekraft, die ihnen mitteilt, dass sie noch einige Blutabnahmen zu machen haben, auf eine gute Art und Weise verständlich machen, dass sie diese Aufgabe zwar gerne erledigen, dies aber nicht ausschließlich machen können, da sie noch viele andere Dinge zu lernen haben?

In einem weiteren Beispiel ging es um die Klärung der Rollenerwartungen zwischen Pflegepersonal und jungen Medizinern. Kann ich verhandeln, wie wir zusammenarbeiten wollen? Die meisten Teilnehmer dieser Workshops denken nur so weit, dass sie sich freundlich vorstellen und ihren Namen nennen müssen usw. Es gibt darüber hinaus allerdings noch sehr viel mehr zu verhandeln, das ist aber nicht üblich bzw. nicht vielen geläufig. Wenn man bestimmte Grundregeln beherzigt, hat man es im Alltag aber leichter.

 

Viele junge Ärzte, die an der Klinik anfangen, haben großen Respekt davor, bestimmte Dinge erledigen zu müssen – zum Beispiel eine Pleurapunktion oder zentrale Zugänge legen – die sie noch nicht häufig allein gemacht haben. Wenn der schichthabende Facharzt oder Oberarzt gerade keine Zeit für sie hat, stehen sie vor dem Konflikt, dass sie es eigentlich nicht alleine machen wollen, aber in diesem Moment scheinbar keine Wahl haben. Solche Gesprächssituationen üben wir im Rollenspiel. Es geht darum, sich für die professionelle Rolle und die interprofessionelle Kommunikation etwas besser vorzubereiten, als dies im Studium bereits geschehen ist. Die Rückmeldung der Teilnehmer ist daher immer sehr positiv – sie erleben hier einen völlig neuen „Bildausschnitt des Kliniklebens.“

Wir unterhalten uns in den Workshops auch immer wieder darüber, wie schwierig es ist, sich in einer völlig unklaren Rolle in einem Klinikgebilde zurecht zu finden. Ein Famulant ist völlig frei flottierend, es gibt keine Standard-Vorstellung, was er oder sie zu tun oder nicht zu tun hat. Insofern sind die Studenten sowohl in der Famulatur als auch während des PJ darauf angewiesen, dass sie nette Gegenüber treffen.Wenn sie Pech haben und in Teams landen, in denen es gerade Konflikte oder Personalengpässe gibt, dann kriegen sie oft das mit, was in den Teams passiert, sie aber selbst in dieser Rolle eigentlich gar nicht betrifft. Deshalb sind viele leider sehr unglücklich mit diesem Abschnitt. Auf genau diese Situationen versuchen wir die Teilnehmer vorzubereiten und damit dafür zu sorgen, dass sie sich in der Klinik besser zurecht finden.

Wie muss man sich die Rollenspiele genau vorstellen?
Diederich:
Ich versuche, mich in das, was ich vorfinde, hineinzuversetzen. Das können zum Beispiel reale Fälle sein, die die Teilnehmer schildern, oder solche, die wir uns im Vorfeld überlegen. Ich nehme diese Rolle an und spiele sie. Im Anschluss gebe ich ein Feedback aus der Rolle heraus. Die Arbeit mit Simulationspatienten ist für die Teilnehmer sehr anschaulich und nachhaltig. Man kann sich besser an Dinge erinnern, die man erlebt hat. Die Teilnehmer spielen ihre eigene Rolle und ich diejenige eines „schwierigen“ Patienten oder Mitarbeiters.

Schlein: Es ist ein Perspektivwechsel. Die meisten Teilnehmer sagen im Anschluss, dass sie für die Perspektive der Pflegekraft, des Angehörigen oder des Patienten deutlich sensibilisierter sind. Einen Patienten interessiert nicht, wie die Organisation in der Klinik ist, wer gerade Nachtschicht hatte oder im Urlaub ist etc. Der Patient will einen Ansprechpartner, der ihm Antworten geben kann. Wenn ein Simulationspatient nach der Übung aus seiner Sicht berichtet, wie bestimmte Interaktionen gewirkt haben, dann wird dem Workshop-Teilnehmer die Perspektive des Gegenübers deutlich.

Die Workshops auf den Karriere-Kongressen sind ein kleiner Ausblick, was möglich ist. In zwei Stunden kann ich diese wichtigen Themen nur andeuten. Für Kliniken arbeite ich mit vergleichbaren Methoden in Seminargruppen von Ärzten oder auch interprofessionell mit anderen Berufsgruppen zusammen. Meist dauern diese Workshops – oft mit Simulationspatienten – zwei Tage. In einem solchen Setting kann ich natürlich mehr an Theorie und Praxis bringen. Aber: Die Kongresse vom Deutschen Ärzteverlag mit ihren verschiedenen Angeboten bieten einen guten Anfang!

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