Dem Zufall eine Chance lassen

Der Berufseinstieg bringt einige Fragen mit sich: Was möchte ich machen? Wohin soll ich gehen? und viele mehr. Dr. Günther Jonitz, Präsident der Ärztekammer Berlin und Mitglied im Vorstand der Bundesärztekammer Berlin, adressierte in seinem Impulsvortrag auf dem Operation Karriere-Kongress in Berlin die Herausforderungen, die sich jungen Ärztinnen und Ärzten stellen.

Dr. Günther Jonitz

In seinem Impulsvortrag appellierte Dr. Günther Jonitz an die Studentinnen und Studenten, sich für die Facharztweiterbildung Zeit zu lassen | Fesseler

Zu Beginn betonte Dr. Günther Jonitz, der schon seit mehreren Jahren auf den Operation Karriere-Kongressen seine Erfahrungen an die zukünftigen Kollegen weitergibt, dass das Wesentliche am Arztberuf immer noch die Beziehung zwischen Patient und Arzt ist. In einer Zeit, in der eine gesundheitspolitische Dauerkrise in Deutschland zu herrschen scheint und die Ökonomie einen stetig größer werdenden Stellenwert einnimmt, müsse man dafür kämpfen, dass die Medizin im Vordergrund stehe. Denn es geht um die Menschen im System – Patient und Arzt. Denn als Arzt habe man auch die Pflicht, sich nicht nur um seine Funktion für den Patienten, sondern auch um sich selbst zu kümmern.

Trotz der schwierigen Rahmenbedingungen sei es eine gute Zeit, in den Arztberuf einzusteigen. Die Möglichkeiten in Deutschland seien so groß wie noch nie zuvor. Dafür ist es aber wichtig, zu wissen, was man machen möchte. Auf Nachfrage von Jonitz meldete sich die Hälfte der anwesenden Teilnehmer, sie wüssten schon, in welche Fachrichtung es gehen soll. An die anderen appellierte er: „Informieren Sie sich! Fahren Sie zu Krankenhäusern hin, reden Sie mit dem Personal und nutzen Sie das Internet.“ Schon die Homepages könnten viel über ein Krankenhaus aussagen. Steht auf der Abteilungsseite unter „Team“ nur der Chefarzt, sei das auch ein Statement, so Jonitz.

Aktiv die Weiterbildung steuern

Zu diesen Erkundungen über mögliche Weiterbildungsstellen gehöre auch, sich über die Weiterbildungsordnung bei der zuständigen Landesärztekammer zu informieren. Dort kann man auch einsehen, welcher Arzt eine Befugnis zur Weiterbildung besitzt. Vor Vertragszeichnung sollte man wissen, wofür und in welchem Umfang Befugnisse vorliegen. Denn unterschreibt man einen Vertrag für fünf Jahre, der Chef hat aber nur eine Befugnis über drei Jahre der Facharztweiterbildung, kann man sich zwei Jahre nicht für seine Facharztweiterbildung anrechnen lassen. Außerdem sei es wichtig, die Weiterbildungsinhalte kontinuierlich im Logbuch zu dokumentieren, regelmäßig Weiterbildungsgespräche zu führen und bei Bedarf einzufordern und sich zum Abschluss der Weiterbildungszeit ein Zeugnis ausstellen zu lassen.

Studentin

Es ist eine Entscheidung, die einen das gesamte Leben lang begleitet: In welchem medizinischen Fachgebiet möchte man arbeiten? Hier einige Fragen, die man sich im Entscheidungsprozess stellen kann.

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Die Zeiten, in denen man sich autoritären Chefärzten fügen musste, seien vorbei, so Jonitz. „Fordern Sie Ihre Qualifizierung aktiv ein“, ermutigt Jonitz die Studentinnen und Studenten, besonders in Bezug auf relevante Aspekte wie OP-Zahlen. „Wenn Sie nicht die OP-Zahlen bekommen, die Sie brauchen, suchen Sie das Gespräch." Wenn das nicht hilft, oder auch wenn die Arbeitsbedingungen schlecht sind, dann solle man sich nicht verstecken, sondern sich Verbündete suchen und auch hier das Gespräch und Lösungen suchen.

Lassen Sie sich Zeit

Gleichzeitig riet er den Teilnehmerinnen und Teilnehmern dazu, sich nicht zu sehr unter Druck zu setzen. Es sei halb so wichtig, ob man den Facharzt nun in fünf oder acht Jahren absolviere. Einen Plan zu haben sei immer gut, aber der Zufall müsse auch seine Chance erhalten. Aus eigener Erfahrung berichtete Jonitz, dass ihn ein Zufall beruflich nach Japan geführt habe und ihn diese Zeit sehr geprägt habe. Auch heute zehre er noch davon.

Dazu gehört ebenfalls, über den Tellerrand hinaus zu schauen und sich solche Fächer anzusehen, die für viele auf den ersten Blick abseits des Üblichen liegen: öffentlicher Gesundheitsdienst, Arbeits- und Betriebsmedizin, die Bundeswehr, die Pathologie und die Allgemeinmedizin. „Bei der Bundeswehr wird dafür gesorgt, dass man die Dinge kann, die am Ende auch auf dem Facharztzeugnis stehen“ lobte Jonitz. Um den Überblick in der Weiterbildung nicht zu verlieren, riet Jonitz dazu, nach spätestens zwei Jahren eine Bilanz zu ziehen: Macht die Weiterbildung Spaß? Ist es das Richtige? Ist die Klinik die richtige Wahl? Dann besteht noch genügend Zeit, Veränderungen einzuleiten und die Fachrichtung oder die Klinik zu wechseln.

Keine Götter in weiß

Der Klinikalltag ist zu Beginn eine komplett neue Erfahrung. Daher sollte man sich beim Einstieg in die Weiterbildung mit der neuen Umgebung und den Abläufen bekanntmachen. Denn vieles ist unbekannt und neu – und gleichzeitig steht man von Anfang an in der Umsetzungsverantwortung. Wer dann nicht weiß, wo im Notfall der Defibrillator steht oder die Medikamente zu finden sind, der gerät schnell ins Schleudern. Gerade auch als junge/r Assistenzärztin/arzt kann man die Verantwortung, die man für die Patientenbehandlung immer übernehmen muss, nutzen, um sein Engagement zu zeigen und sich ins Team einzubringen.

In seinen Schlussworten stellte Jonitz Fälle aus seinem persönlichen Umfeld vor, die seine vorherigen Worte zur Planung und dem Zufall belegen: Es kommt immer anders, als man denkt. Auch nach der Facharztweiterbildung solle man sich vor dem Zufall nicht verschließen, sondern offen sein für die Erfahrungen, die der ärztliche Beruf bietet.