Weiterbildung in der Niederlassung: Eindrücke aus einer Arztpraxis für Augenheilkunde

Für Johanna Dörner und ihre Schwester Dr. Friederike Dörner war klar: sie absolvieren einen Teil ihrer Facharztweiterbildung in der Niederlassung und zwar in der Praxis ihres Vaters Dr. Martin Dörner. Eine spannende Konstellation über die sie im Interview mit dem Karger Verlag berichten.

Familie und starkes Team: Dr. Martin Dörner, Dr. Friederike Dörner (FEBO), Johanna Dörner (v.l.n.r.) | Privat

Johanna Dörner hat gerade mit ihrer Weiterbildung in der Augenheilkunde begonnen, Friederike Dörner ist seit 2017 Fachärztin der Ophthalmologie und FEBO (Fellow European Board of Ophthalmology).

Welche Beweggründe hatten Sie, einen Teil Ihrer Facharztweiterbildung bei einem niedergelassenen Facharzt zu machen?
Johanna Dörner (JD): Für den Start in meine Assistenzarzttätigkeit hätte ich mir kein besseres Arbeitsumfeld denken können. Die Bedingungen in der Praxis sind super. Das Spektrum der Behandlungsmöglichkeiten ist ähnlich dem im stationären Bereich. Unter Anleitung meines Vaters und meiner Schwester lerne ich viel. Ich fühle mich in der Praxis wohl, schließlich bin ich hier aufgewachsen.

Friederike Dörner (FD): Auch ich habe meine Facharztweiterbildung in der Kassenarztpraxis meines Vaters begonnen. Dort konnte ich die verschiedenen konservativen wie operativen Bereiche der Augenheilkunde kennenlernen. Nach zwei Jahren habe ich in die Augenklink Köln-Merheim unter der Leitung von Prof. Dr. Dr. hc. Norbert Schrage gewechselt. Jede der beiden Ausbildungsstellen hat ihre Besonderheiten.

Welche Vor- bzw. Nachteile an der Facharztweiterbildung in der Niederlassung sehen Sie?
JD: Viele angehende Augenärzte ziehen eine Weiterbildung in der Praxis nicht in Betracht. Die Klinik ist ihnen aus dem Studium bereits bekannt. Sie kennen die Abläufe und Zuständigkeiten. Die Verantwortung für die Patienten verteilt sich auf die gesamte Abteilung.
In der Praxis arbeitet man sehr selbstständig. Innerhalb kürzester Zeit müssen effektiv Patienten untersucht, Befunde erhoben und viele Entscheidungen getroffen werden. Das Spektrum der Erkrankungen ist in der Basisversorgung groß. Kommt fachlich einmal eine Unklarheit auf, so ist der Chef grade mal ein oder zwei Zimmer weiter. Die meisten Fragen klären sich im Handumdrehen, wenn der Chef erst einen Blick durch die Spaltlampe geworfen hat.
Wir erleben die Weiterbildung in der Praxis als positiv. Wir sind mit vier Weiterbildungsassistentinnen und zwei Fachärzten ein kleines Team, in dem sich alle mit Rat und Tat zur Seite stehen. Wir veranstalten Fortbildungsabende, die von allen aktiv mitgestaltet werden. Gemeinsame Veranstaltungen wie Praxisausflüge oder Kongressbesuche stehen ebenfalls auf dem Programm und sind ein wichtiger Teil der Weiterbildung. Die Zusammenarbeit mit den Arzthelferinnen, Orthoptistinnen, Optometristen und Optikermeistern ist lehrreich und bereitet uns allen viel Freude.

FD: In der Praxis hat mir bereits zu Ausbildungszeiten die enge Bindung von Patienten zum behandelnden Arzt gut gefallen. Man betreut den Patienten von der Diagnosestellung bis zur Heilung und darüber hinaus, vom Säuglings- bis zum Seniorenalter.
Da unsere Augenarztpraxis bereits seit 30 Jahren besteht, haben wir eine sehr große Patientenkartei, in der sich bis zu vier Generationen einer Familie befinden. Eine gute Organisation und die fachlich kompetente Zuarbeit der paramedizinischen Berufe haben große Bedeutung. Der Chef ist hier tatsächlich Chef, gleichzeitig Vorbild, setzt Veränderungen direkt in die Tat um und übernimmt die Verantwortung und Finanzierung für den gesamten Betrieb.
In der Niederlassung ist die Schlagzahl größer als in der Klinik. Für den jungen Assistenten ist es vorteilhaft, viele Patienten zu untersuchen und so die häufigen Diagnosen sicher zu erkennen, bei ungefiltertem Patientengut.
In der Augenheilkunde wird ein Großteil des Versorgungsspektrums ambulant abgedeckt. Im ambulanten Verbund mit anderen Praxen und Kliniken findet sich auch für komplexe operative Eingriffe der richtige Spezialist.
Als Assistenzarzt in der Klinik arbeitet man in einem großen Team und auch interdisziplinär mit anderen Fachabteilungen zusammen. Viele Entscheidungen trifft die Verwaltung und nicht der Chefarzt. Der Assistent muss viel Zeit für Organisation und Dokumentation aufbringen, sowie für das Schreiben von Briefen. Komplizierte Dienstmodelle und Urlaubspläne nehmen einem viel Flexibilität.
In die Klinik kommen die meisten Patienten aufgrund einer Ein- oder Überweisung. Die erste Vorarbeit ist also bereits geleistet. Nun steht die Spezialdiagnostik und Begutachtung durch Experten, sowie die Zusammenarbeit verschiedener Fachabteilungen im Vordergrund. Der Assistenzarzt kann hier komplexe und seltene Krankheitsbilder kennenlernen. Die Behandlung extrem schwieriger Fälle schult für die Zukunft. Und auch einige Spezialfälle aus dem Nachtdienste in der Notaufnahme bleiben einem für immer in Erinnerung. 

Haben sich Ihre Erwartungen an die Arbeit als niedergelassener Augenarzt erfüllt?
Dr. Martin Dörner (MD): Ich finde die freiberufliche ärztliche Tätigkeit jeden Tag wieder spannend. Die wunderbaren Möglichkeiten operativ wie konservativ effektiv helfen zu können, mit teilweise lange bewährten, aber auch vielen neuen, innovativen Methoden, kommen dem Patienten direkt zugute und führen zu großer Zufriedenheit bei Behandler und Patient. Die Patienten treten dem Arzt oder angehenden Facharzt entsprechend mit Respekt gegenüber.
Wenn ich die 30 Jahre Niederlassung Revue passieren lassen, dann spüre ich aber auch, dass die Furcht des frischgebackenen Facharztes, sich in eigener Praxis selbstständig zu machen, durchaus berechtigt ist.
Die Perspektive der Facharztweiterbildung ist für viele die Niederlassung. Die Dichte von bürokratischen Vorschriften, Verpflichtungen und Drohszenarien nimmt jedoch ständig zu. Für populistische Politiker ist das Gesundheitswesen nicht nur eine Spielwiese, sondern auch eine stetige Quelle von, ja man muss sagen, Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen. Ich erinnere da nur an Zertifizierung, Datenschutz und Hygiene. Regresse und durch die eigene Standesvertretung zwangsweise eingeleitete Reglementierungen, auch mit Unterstützung der Staatsanwaltschaft (Plausibilitätsprüfung), machen die eigenverantwortliche Tätigkeit als Augenarzt nicht gerade gemütlicher. Eine repressionsfreie Standesvertretung, die gegen unsinnige, politische, bürokratische oder sonstige unlautere Bedrängung auch einmal eindeutig Stellung bezieht, würde ich mir schon manchmal wünschen. Die Reputation der Ärzteschaft wird durch Krankenkassen (Stichwort IGeL) und Politik permanent attackiert. Das ist in anderen Ländern teilweise anders, weswegen man sich nicht wundert, dass es junge, fähige Kollegen ins Ausland zieht. Die allgemein zunehmende Tendenz alles und jeden zu verklagen scheint von vielen Juristen gebilligt zu werden.
Anders als vor 30 Jahren muss der Niederlassungswillige eine Menge Geld in neue Techniken, moderne Praxisausstattung, EDV und vor allem Personal stecken, das erst angelernt werden muss zur Bewältigung eines überbordenden Papierkrieges (Beispiel IVOM).
Auch Zwangsfortbildungen – von Datenschutz über Hygiene bis zu Fortbildungspunkten – motivieren den jungen Facharzt nicht gerade.
Für die jungen Ärzte dennoch eine wichtige Erkenntnis: es wird auch in Zukunft trotz Expertensystemen und Dr. Google weiterhin nicht ohne Ärzte gehen.

Was ist Ihnen an der Ausbildung wichtig? Worauf wollen Sie keinesfalls verzichten?
JD: In der Weiterbildung muss das Gesamtpaket stimmen. Innerhalb der fünf Weiterbildungsjahre muss man eine gute Basis augenärztlicher Fachkenntnisse aufbauen. Sicherlich ist man mit Erlangen des Facharztes noch kein perfekter Diagnostiker, Therapeut oder gar Operateur; dennoch sollte es möglich sein, sich viele Skills bereits früh anzueignen und darauf aufzubauen. Dabei ist ein Ausbilder, der mir keine Frage übelnimmt, der mich für sein Fach begeistern kann, der mir etwas zutraut und mich dennoch nicht überfordert meiner Ansicht nach unbezahlbar. Und wird es einmal schwierig, so wünsche ich mir – gerade zu Beginn der Weiterbildung – die Möglichkeit, mich bei meinem Ausbilder rückversichern zu können – zur Sicherheit meiner Patienten und zu meiner eigenen Sicherheit. Aber auch das alltägliche Arbeitsklima spielt eine große Rolle. Ein nettes Team und sichtbare Therapieerfolge, so wie dankbare Patienten stehen weit oben auf der Prioritätenliste.

FD: Ich finde eine breite Ausbildung sehr wichtig. Ich habe davon profitiert, dass ich bei verschiedenen Weiterbildern lernen durfte. Es zeigt sich schnell, dass es mehr als einen Weg zum Ziel gibt. Es lehrt einen, Abläufe und Therapien kritisch zu hinterfragen. Medizin ist dynamisch und individuell. So sollten wir auch ausgebildet werden. Eine frühe Förderung von Begabungen, sei es operativ, organisatorisch oder als Vortragsreferent, sollte gefördert und gefordert werden.
Eigenverantwortliches Lernen ist aus meiner Sicht genauso erforderlich, wie ein Ausbilder, der sich für seine Auszubildenden verantwortlich fühlt und ihren Lernfortschritt auch als seinen Erfolg wertet.

Was hat Ihnen während der Ausbildung gefehlt?
FD: Im ersten Dienst in dem man alleine eine ganze Nacht für eine Augenklink, die Ambulanz und die Station verantwortlich ist, ist man so aufgeregt, dass man einfach nur bis zur Dienstbesprechung am nächsten Morgen um 7 Uhr überleben will.
Die Schwerpunktversorgung in Nacht- und Wochenenddiensten kann auf Dauer kräftezehrend sein. Viele Möglichkeiten der Weiterbildung und Fortbildung hätte ich während der Weiterbildung intensiver nutzen sollen. Ich denke da z. B. an die Möglichkeit von Fellowships, Habilitation sowie die Teilnahme an Intensivkursen und Tagungen.
Ich hatte das Glück, sehr erfahrene Ausbilder wie Prof. Dr. Dr. hc. Norbert Schrage und die Oberärzte der Merheimer Augenklinik zu haben, die sich sehr für mich engagiert haben und mir somit die parallele Ausbildung im wöchentlichen Wechsel in Klinik und Praxis ermöglicht haben.
Ich würde mir in der Augenheilkunde, einem Fach, das in der ambulanten Versorgung so viele Möglichkeiten bietet, mehr Kombinierbarkeit von Klinik- und Praxisarbeit wünschen. So kann jeder Assistent sowohl Klinikkarriere als auch Niederlassung erleben und ohne Angst auf eine Benachteiligung seine Erfahrung in allen Bereichen machen. Auch Forschungsjahre und die Möglichkeit an Kongressen und Wet Labs teilzunehmen, sollten Assistenten viel großzügiger ermöglicht werden. Dafür stehen ihnen aus meiner Sicht finanzielle Unterstützung und Fortbildungszeit zu. 

Welche Probleme wiederholen sich bei der Weiterbildung junger Ärzte?
MD: Junge Ärzte suchen und finden häufig Symptome frisch gelernter Krankheiten bei sich selbst. Das ist bei Augenkrankheiten nicht anders. Richtig begreifen kann man die Beschwerden der Patienten oft erst nach der selbst durchgemachten Keratitis epidemica.
Am Patienten stellt ein erstes Hemmnis der Augendiagnostik zunächst die Spaltlampe dar. Nach einem halben Jahr werden oft überraschende Details mit diesem Gerät erkannt.

Friederike Dörner, Sie sind seit Anfang 2017 fertig mit Ihrer Facharztweiterbildung – wie ging Ihr Weg danach weiter?
FD: Zunächst habe ich als angestellter Facharzt bei meinem Vater in der Praxis gearbeitet. Ich hatte dann das Glück, einen KV Sitz in Neheim/Arnsberg im Sauerland zugesprochen zu bekommen, sodass ich heute als Praxispartner meine eigene Praxis als Nebenbetriebsstätte habe und weiterhin im ambulanten OP-Zentrum der Gemeinschaftspraxis tätig sein kann.

Johanna Dörner, Ihre Weiterbildung hat gerade erst begonnen – gibt es schon Zukunftspläne?
JD: Meine Dissertation möchte ich in Kürze fertigstellen. Bis zum Jahresende 2018 werde ich in der Praxis arbeiten und mich zum Jahreswechsel bei einer Augenklinik mit voller Weiterbildungsberechtigung bewerben. Ich bin schon gespannt auf das neue Arbeitsumfeld, die neuen Kollegen, auf die Chancen und Herausforderungen der Klinik.

Was möchten Sie den Weiterbildungsassistenten – neben den fachlichen Fähigkeiten – gerne mit auf den Weg geben?

MD: Fachliche Fähigkeiten sind eine Grundvoraussetzung. Menschliche Fähigkeiten sind zur erfolgreichen Ausübung der ärztlichen Tätigkeit ebenso wichtig.
Das Zentrum unserer Bemühungen muss immer der Patient sein. Der initiale Blickkontakt mit dem Kranken, verbunden mit einer offenen Frage nach seinem Befinden und dass man ihm überbringt, dass man nun Zeit nur für ihn hat: Das ist wichtig. Weniger wichtig sind Displays mit Patientendaten oder administrativer Schnickschnack.
Wenn ich dem Patienten eine Therapie empfehle, würde ich sie genau auch so bei mir selbst anwenden. Ich versuche, den Assistenten mit gutem Beispiel voranzugehen und ihnen zu zeigen, dass ich mir einen Patientenstamm und auch den verdienten Respekt erarbeiten kann. Gegenseitiger Respekt verbessert die Compliance. Und Respekt vor dem Auge als sensibles Organ ist der Grundstein für eine erfüllende und erfolgreiche Tätigkeit. 

Die Praxisgemeinschaft Dörner & Dörner ist eine überörtliche, operative Gemeinschaftspraxis im Westmünsterland und im Sauerland. Im Herzen der Stadt Bocholt liegt die Praxis mit ambulantem OP-Zentrum, welche in 2018 ihr 30-jähriges Jubiläum feierte. Die Praxis hat eine moderne Ausstattung, um ein breites Spektrum der ambulanten Versorgung im großen Einzugsgebiet abzudecken. Seit drei Jahrzehnten bildet Dr. Martin Dörner medizinische Fachangestellte und Assistenzärzte im Bereich der konservativen und operativen Augenheilkunde aus. Das Team wird ergänzt durch Augenoptikermeister und Refraktivmanager, die insbesondere im Bereich Refraktivsprechstunde und Kontaktlinsenversorgung ihre Expertise beitragen. Ebenfalls im Haus in der Königstraße befindet sich die chirurgische Gemeinschaftspraxis von Dres. Dörner, Dehn und Bongers.

 

Kontaktadresse: Laser-24 GmbH, Königstraße 34, 46397 Bocholt, Deutschland

Bei diesem Artikel handelt es um eine gekürzte Fassung. Das vollständige Interview können Sie kostenlos hier abrufen.