Verliebt in den Kollegen - was tun?

Viele Stunden verbringt man als Arzt oder Ärztin am Arbeitsort mit den Kollegen. Dabei kann man sich schon 'mal verlieben - mit positiven und negativen Konsequenzen für die eigene Karriere.

Liebespaar

Als Paar möglichst nicht den gleichen Arbeitsort haben, dies rät Karriereberaterin Jutta Boenig. | Reinhard Eisele

22 Prozent der Teilnehmer und Teilnehmerinnen einer Statista-Studie waren der Meinung, dass der Arbeitsplatz der beste Ort ist, um einen Partner bzw. eine Partnerin zu finden. Für Jutta Boenig ist diese Antwort nicht überraschend. Sie ist seit vielen Jahren als Karriereberaterin tätig, dabei stellte sie immer wieder fest, dass bei der Beratung das Thema „Liebe am Arbeitsplatz“ ein Tabu-Thema ist. Als ein Tabu sollte man es aber nicht betrachten, findet Frau Boenig, denn damit schadet man der eigenen Karriere.

Operation Karriere: „Verliebt in den Chefarzt“ – das ist eher seichte Unterhaltung als Realität, oder?

Es kommt tatsächlich vor, dass sich Menschen in den Chef verlieben. Stellen Sie sich einen Oberarzt Ende vierzig vor, der bereits viele Jahre gearbeitet hat und dann kommt eine fröhliche und wesentlich jüngere, Kollegin, die ihn wegen seiner Erfahrung verehrt. Ich frage in den Beratungsgesprächen dann immer: „Bist du in ihn oder in das Bild verliebt?“ Natürlich kann man sich auch quer über Hierarchieebenen verlieben und erfolgreiche Beziehungen führen. Aber davor muss man sich bewusst gemacht haben, ob man den anderen als Mensch verehrt oder nur die Position in ihm sieht, die er bekleidet. 

Und wenn nicht die Assistenzärztin den Oberarzt verehrt, sondern er sie. Was raten Sie Frauen in so einer Situation?

Das Wichtigste ist, dass sich Frauen nicht als Opfer fühlen. Wenn sie sich als Opfer fühlen und solange stillhalten bis sie platzen, dann kann unheimlich viel kaputt gemacht werden. Wenn der Oberarzt der Assistenzärztin Avancen macht, darf sie keine Panik kriegen, dass ihre Karriere einen Schaden nehmen könnte, wenn sie ihn zurückweist. Es geht darum ganz klar zu sagen: "Herr Müller/Meier/Schulze: Stopp!" Dies muss in einer wertschätzenden Haltung geschehen und dieser Zeitpunkt wird sehr oft verpasst. Es geht darum zu reagieren, wenn eine gewisse Linie überschritten wird. 

Wo ist diese Linie? Überschreitet ein Oberarzt beispielsweise bereits die Linie, wenn er seiner Kollegin ein Kompliment macht?

Wissen Sie, ich habe viele Jahre in Italien gelebt und da hat man mich früher immer gefragt, wieso hat man in Deutschland eigentlich etwas dagegen, dass Männer Frauen Komplimente machen. Die Antwort ist: Sie können es nicht. Wir sind keine Flirtmeister in Deutschland, weder die Männer, noch die Frauen. Wenn man ein Kompliment bekommt, kann man es annehmen und es einfach nicht als Anmache interpretieren, sofern das möglich ist. Bei besonders platten Sprüchen oder Gesten ist das natürlich nicht möglich.  

Haben Sie Männer beraten, die ein ähnliches Problem hatten, also zum Beispiel von einer Vorgesetzten bedrängt wurden?

Männer geben solche Vorfälle nur sehr selten zu. Wenn dies geschieht, dann gilt grundsätzlich das gleiche: Sie sollten sich nicht hilflos fühlen und schamhaft sein. Im Krankenhaus oder auch in der Praxis gibt es noch ein stark hierarchisch organisiertes System. Manchmal kann man sich die hierarchische Position zunutze machen als Grenzlinie: „Sie, liebe Frau Oberärztin, werden doch nicht mit einem Studenten ihre Abende verbringen wollen!“ Es gehört eine bestimmte Souveränität dazu und manchmal kommen diese jungen Männer dann an ihre Grenzen. Deshalb üben wir das in Rollenspielen, damit man lernt mit solchen Situationen umzugehen.