Überblick: Weiterbildung Hygiene und Umweltmedizin

Fachärzte für Hygiene und Umweltmedizin sind deutschlandweit am gefragtesten, auch weil wenige diese Weiterbildung absolvieren. Wie wird man Facharzt dieser Fachrichtung? In unserer Serie „Überblick“ stellen wir alle Weiterbildungsmodalitäten vor.

Hygiene und Umweltmedizin

Nur 99 berufstätige Fachärztinnen und Fachärzte in der Hygiene und Umweltmedizin gibt es deutschlandweit. | K.C./Fotolia

Im Facharztindex wird jedes Jahr der Stellenmarkt für Ärzte untersucht. Dabei wird berechnet, wie viele Fachärztinnen und Fachärzte rein rechnerisch auf eine Stellenanzeige im Deutschen Ärzteblatt – dem größten Stellenmarkt Deutschlands für Mediziner – entfallen. Bei Fachärzten für Hygiene und Umwelt waren es 10,5 potenzielle Bewerber auf eine Stelle. Weniger als bei jedem anderen Fachgebiet. Das bedeutet, dass man mit dieser Facharztweiterbildung zu den attraktivsten Ärzten auf dem deutschen Arbeitsmarkt zählt. Trotzdem interessiert sich kaum ein Mediziner für das Fach. Nur 14 Ärztinnen und Ärzte haben im Jahr 2018 die Weiterbildung für Hygiene und Umweltmedizin abgeschlossen. 

Arbeitsgebiete

Verallgemeinernd kann man sagen, in der Umweltmedizin werden Erkrankungen untersucht, die in irgendeiner Weise mit Umweltfaktoren zusammenhängen. Auch präventive Maßnahmen zur Krankheitsvermeidung spielen bei diesem Fachgebiet eine große Rolle. In der präventiven Umweltmedizin beschäftigt man sich beispielsweise mit der Wasser-, Boden-, Luft- oder Bäderhygiene, mit der Hygiene von Lebensmitteln, Gebrauchsgegenständen oder dem Abwasser. In der klinischen Umweltmedizin geht es dagegen um die Diagnose und Behandlung von gesundheitlichen Beschwerden, die auf Umweltfaktoren zurückgeführt werden können. 

Zusatzbezeichnung Krankenhaushygiene

Wer eine Weiterbildung auf einem anderen Gebiet der unmittelbaren Patientenversorgung abgeschlossen hat, kann die Zusatzbezeichnung Krankenhaushygiene erwerben. Voraussetzungen:

  • 200 Stunden Kurs-Weiterbildung gem. § 4 Abs. 8 in Krankenhaushygiene (davon 40 Stunden Grundkurs und anschließend 160 Stunden Aufbaukurs)

Bei allen Fragen zu den verschiedenen Weiterbildungs- und Fortbildungsmöglichkeiten steht die Deutsche Gesellschaft für Arbeitsmedizin und Umweltmedizin (DGAUM) oder die jeweilige Landesärztekammer Rede und Antwort. 

Dauer der Weiterbildung Hygiene und Umweltmedizin

Die reguläre Weiterbildung zum Facharzt für Hygiene und Umweltmedizin dauert 5 Jahre. 

  • 4 Jahre Hygiene und Umweltmedizin
  • 12 Monate in der stationären Patientenversorgung anderer Gebiete

Bis zu 12 Monate können im Gebiet Pharmakologie und/oder in Arbeitsmedizin, Mikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie und/oder Öffentliches Gesundheitswesen angerechnet werden. 

Inhalte der Weiterbildung

Übergreifende Inhalte der Facharzt-Weiterbildung Hygiene und Umweltmedizin

  • Wesentliche Gesetze, Verordnungen und Richtlinien
  • Desinfektion und Sterilisation

Krankenhaushygiene und Infektionsprävention

  • Risikoadaptiertes Hygienemanagement, basierend auf nationalen und internationalen Empfehlungen
  • Mikrobiologische, virologische und hygienische Überwachung, Risikoanalyse, Bewertung und Empfehlung von Maßnahmen in Operations-, Intensivpflege-, Funktions- und sonstigen Krankenhaus-Bereichen unter Einschluss technischer Anlagen (Richtzahl: 10), davon
  1. Aufbereitung von Trinkwasser
  2. Aufbereitung von Badewasser
  3. Müllentsorgung
  4. Abwasserentsorgung
  5. raumlufttechnische Anlagen
  • Krankenhaus- und Praxisbegehungen mit mikrobiologischer, ggf. chemischer und physikalischer sowie funktionell baulicher Bewertung von Abteilungen (Richtzahl: 25), davon
  • Operationssaal (Richtzahl: 5)
  • Intensivmedizin, Neonatologie, Stammzelltransplantationseinheiten (Richtzahl: 5)
  • Funktionsbereiche, z. B. Endoskopie (Richtzahl: 5)
  • weitere Bereiche, z. B. Küche, Wäscherei, Laboratorien, Apotheken
  • Beurteilung von Baumaßnahmen oder des Betriebs von Krankenhäusern und anderen medizinischen Einrichtungen des Gesundheitswesens (Richtzahl: 10)
  • Krankenhaushygienische Schulungen der Mitarbeiter sowie Anleitung und Führung des Personals für die Krankenhaushygiene, z. B. Hygienefachkräfte, hygienebeauftragte Ärzte, Hygienebeauftragte in der Pflege (Richtzahl: 10)
  • Desinfektion und Sterilisation von Medizinprodukten, Gebrauchs- und Bedarfsgegenständen
  • Mikrobiologische und virologische Bewertung antiseptischer und desinfizierender Substanzen
  • Überwachung der Aufbereitung, Desinfektion und Sterilisation von Medizinprodukten, Gebrauchs- und Bedarfsgegenständen
  • Risikoeinschätzung von Dekontaminationsprozessen zwecks Verhütung nosokomialer Infektionen
  • Anleitung des Personals für die Krankenhaushygiene sowie Kommunikation mit den Entscheidungsträgern im Krankenhaus und über-wachenden Gesundheitsbehörden
  • Ausbruchs- und Störfallmanagement im laufenden Betrieb von medizinischen Einrichtungen
  • Hygienemaßnahmen zur Infektionsprävention
  • Erstellung von Hygieneplänen
  • Erarbeitung von einrichtungsspezifischen Algorithmen zur Erkennung und Kontrolle von Clustern, Ausbrüchen und Ausbruchrisiken
  • Implementierung von krankenhaushygienischen Inhalten in das Qualitätsmanagementsystem des Krankenhauses
  • Festlegung, Analyse und Beurteilung hygienischer einschließlich mikrobiologischer Untersuchungen
  • Sterilitätsprüfungen sowie Qualitätsuntersuchungen im Rahmen der Eigenherstellung von Arzneimitteln
  • Beratung zu hygienischen Aspekten bei medizinischen Maßnahmen einschließlich Pflege- und Rehabilitationsmaßnahmen
  • Mitwirkung bei der Erstellung von Standard-Arbeitsanweisungen (SAA)
  • Auditierung und Erstellung einer Delta-Analyse unterschiedlicher Bereiche im Hinblick auf krankenhaushygienische und infektionspräventive Maßnahmen (Hygieneaudit) (Richtzahl: 5)

Antibiotikamanagement und Antibiotic Stewardship

  • Ermittlung, Bewertung und Mitwirkung bei der Steuerung des abteilungsbezogenen Antiinfektivaverbrauchs
  • Erarbeitung einrichtungsspezifischer Präventionsstrategien zur Kontrolle Antibiotika resistenter Infektionserreger
  • Grundlagen der Erstellung von Empfehlungen zum Einsatz von Antiinfektiva unter Berücksichtigung der lokalen Resistenzlage
  • Grundlagen klinisch mikrobiologischer Konsile bei stationären Patienten
  • Planung, Durchführung und Bewertung von Antibiotika-Anwendungs-Erfassungen (Prävalenzerhebungen)

Infektionskontrolle und Surveillance

  • Grundlagen der Surveillance, insbesondere
  1. nosokomiale Infektionen und Erregerspektrum
  2. Antibiotikaverbrauch
  3. Antibiotikaresistenzen
  4. umweltassoziierte Infektionen
  • Aufbau eines ggf. interdisziplinären Surveillancesystems und Adaptation an die institutionsspezifischen Gegebenheiten
  • Bewertung, Kommunikation der Ergebnisse und Implementierung von Maßnahmen aufgrund der Surveillance nosokomialer Infektionen und nosokomialer Erreger  (Richtzahl: 25)
  • Infektionsepidemiologische Auswertungen, Erfassung und Bewertung bei Verdacht auf Ausbrüche nosokomialer oder ambulant erworbener Infektionen zur Erreger- und Resistenzüberwachung, Identifikation von Risikofaktoren und Interventionsstrategien  (Richtzahl: 25)

Erregerdiagnostik und Methodik

  • Grundlagen der Präanalytik
  • Beratung zur Präanalytik und Methodenauswahl; Beurteilung von Untersuchungszeitpunkt, Gewinnung, Transportart, Materialart, Materialeignung, Methodenauswahl für die klinische Fragestellung  (Richtzahl: 25)
  • Probennahmen bei Patienten und dem Umfeld sowie Probenaufbereitung zur Diagnostik von Besiedlungen und/oder Infektionen
  • Erregerdiagnostik sowie Typisierung zur Aufdeckung von Infektionsketten
  • Diagnostik von Infektionserregern wie Bakterien, Pilze, Parasiten und Viren
  • Mikroskopische Untersuchungen  (Richtzahl: 25)
  • Kulturelle Methoden  (Richtzahl: 100), davon
  1. Anzüchten und Anreichern, Differenzieren, Typisieren und Resistenztestung  (Richtzahl: 50)
  2. quantitative mikrobiologische Verfahren  (Richtzahl: 10)
  • Interpretation biochemischer ggf. massenspektrometrischer und molekularbiologischer Untersuchungen zur Erregeridentifikation und Typisierung  (Richtzahl: 100)
  • Empfindlichkeitsbestimmungen von Bakterien, Viren und Parasiten gegenüber Antiinfektiva und Desinfektionsmitteln

Umwelthygiene

  • Grundlagen der Beeinflussung des Menschen durch belebte und unbelebte Umweltfaktoren
  • Umwelthygienische und umweltmedizinische Bewertung physikalischer, chemischer und biologischer Immissionen
  • Grundlagen der Präanalytik und Umweltprobenanalytik
  • Probennahme und -aufbereitung auf der Grundlage biologischer, mikrobiologischer, chemischer und physikalischer Verfahren in der Wasser-, Boden-, Abfall-, Luft-, Lebensmittel-, Gebrauchs-/Bedarfsgegenstands-, Bau- und/oder Siedlungshygiene
  • Probenanalyse sowie hygienische und umweltmedizinische Bewertung (Richtwert: 50)
  • Grundlagen der Umwelthygiene in der Wasser-, Trinkwasser-, Badewasser-, Abwasser-, Außenluft-, Innenraumluft-, Lärm-, Boden-, Abfall-, Bau- und Siedlungshygiene sowie bei technischen Anlagen
  • Bewertung der Wasser-, Trinkwasser-, Badewasser-, Abwasser-, Außenluft-, Innenraumluft-, Lärm-, Boden-, Abfall-, Bau- und Siedlungshygiene
  • Hygienische Bewertung technischer Anlagen zur Aufbereitung von Trinkwasser, Badewasser, Abwasser, von Biogas- und Kompostierungsanlagen, raumlufttechnischen Systemen, Rückkühlwerken
  • Grundlagen des gesundheitlichen Verbraucherschutzes
  • Hygiene und Risikobewertung von Gebrauchs- und Bedarfsgegenständen
  • Bewertung von Human-Biomonitoring (HBM)-Analysen
  • Hygienische und umweltmedizinische Ortsbegehungen sowie Inspektionen in der Umwelthygiene
  • Umweltmedizinische Grundlagen
  • Bewertung umweltmedizinischer Problemstellungen, z. B. häufige Belastungen und Beanspruchungen aus der Umwelt, Mehrfachbelastungen, umweltmedizinische Syndrome
  • Umweltmedizinisch betroffene Kohorten
  • Umweltmedizinische Anamnese und diagnostische Methoden
  • Umweltmedizinische Gutachtenerstellung

Wasserhygiene

  • Aufbau und Überwachung von Wasserversorgungssystemen, Wasser-sicherungsprogrammen, Einzugsgebietcharakterisierung, Rohwasserqualität, Wasseraufbereitung sowie Trinkwassernetz und -installation
  • Analysen und Bewertung von Roh-, Trink-, Mineral-, Brauch-, Badewasser und Abwässern einschließlich deren Systeme

Lebensmittelhygiene

  • Hygiene von Lebensmitteln zur Vorbeugung von infektiösen und nicht infektiösen Krankheiten, Hazard Analysis and Critical Control Points (HACCP)-Konzept
  • Bewertung der Hygiene von Lebensmitteln

Individualhygiene und Impfprävention

  • Grundlagen der Individualhygiene
  • Beratung zur Hygiene bei besonders empfänglichen Personen, z. B. Immunsupprimierten
  • Impfstrategien und epidemiologische Auswirkungen von Impfungen
  • Beurteilung des spezifischen Immunstatus und der Impfindikation
  • Reisemedizinische Grundlagen
  • Beratung zur Präventiv- und Reisemedizin einschließlich der Seuchenhygiene, Chemoprophylaxe, Tourismusmedizin und zum Schutz vor unbelebten Schadfaktoren

Öffentlicher Gesundheitsschutz

  • Grundlagen der öffentlichen Gesundheit und des öffentlichen Gesundheitswesens sowie der umweltassoziierten und -bedingten Gesundheitsstörungen
  • Grundlagen der Risikoregulierung
  • Risikoanalyse, -bewertung, und -kommunikation sowie Beratungen von Individuen, Gruppen, Behörden, Institutionen und Politik
  • Erarbeitung und Durchführung von Schulungen für Personal zum Thema Prävention
  • Informationsveranstaltungen für die Öffentlichkeit
  • Beratung von Patienten, Bürgern, Behörden, Einrichtungen und Politik
  • Prävention, Beratung, Erkennung und Maßnahmen bei Infektionen und anderen Schadursachen in öffentlichen Einrichtungen, z. B. Altenheim, Kindergarten, Küche, Schule, Schwimmbad, Wäscherei, Labor, raumlufttechnische Einrichtung, Trinkwasserinstallation sowie Abfall- und Abwasserentsorgung
  • Grundlagen von Schädlingsbekämpfungsmaßnahmen

Störfall- und Ausbruchsmanagement

  • Mitgebrachte und nosokomiale Infektionen und Erkrankungen mit lebensbedrohlichen Verläufen bei (hoch-)pathogenen Erregern
  • Gezielte Umgebungsuntersuchungen und Beratung bei Ausbrüchen in Verbindung mit geeigneten Typisierungsverfahren sowie systematisches Ausbruchsmanagement und Ableitung von nachhaltigen Präventionsstrategien
  • Störfälle, Havarien und Ausbrüche mit akuten chemischen, physikalischen und mikrobiologischen Belastungen von Wasser, Boden, Luft und Lebensmitteln

Quelle: Musterweiterbildungsordnung der Bundesärztekammer 2018, Ärztestatistik der Bundesärztekammer 2018

Die Richtlinien der Weiterbildungsordnung können ganz schön verwirrend sein. Wie lange dauert die jeweilige Weiterbildung? Welche Inhalte gibt es? Welche Anlaufstellen kann man bei Fragen kontaktieren? Alle Antworten findest du hier.