Überblick: Weiterbildung Gefäßchirurgie

In diesem Artikel stellen wir die Weiterbildungsinhalte der Gefäßchirurgie vor. Welche Fertigkeiten werden erlernt, wie lange dauert die Spezialisierung und welche Untersuchungs- und Behandlungsverfahren sind Gegenstand der Weiterbildung?

Drei Gefäßchirurginnen bei der Operation

Insbesondere in der Gefäßchirurgie spielt Fingerspitzengefühl eine große Rolle. | megaflopp/iStockphoto

Die Gefäßchirurgie wird auch vaskuläre Chirurgie genannt, weil Gefäßchirurgen sich um Erkrankungen des vaskulären Systems kümmern. Fast alle Krankheiten des vaskulären Systems werden in der Gefäßchirurgie behandelt, ausgeschlossen sind dabei die Blutgefäße des Gehirns (Neurologie) und des Herzens (Kardiologie).

Die Aufgaben der Gefäßchirurgie beinhalten die operative Behandlung erkrankter Blutgefäße (z.B. Fehlbildung, Arterienverkalkung und Venenleiden) und das Anlegen von Gefäßbypässen oder Protheseneinlagen nach Unfällen. Der Gefäßchirurg legt große Rohrprothesen für die Hauptschlagadern in Brust und Bauch, aber auch kleinste Bypässe am Fuß.

Neben diesen operativen Eingriffen muss der Gefäßchirurg auch in der Lage sein, den Zustand von Gefäßen zu beurteilen und zu diagnostizieren. Hierzu erlernt er instrumentelle Untersuchungsmethoden. Höchste Präzision und feinste Nahttechniken zeichnen ihn dabei ebenso aus, wie eine exakte Indikationsstellung. Gefäßchirurgen müssen im Milimeterbereich arbeiten können, sagte Dr. Thomas Karl, Klinikdirektor Gefäßchirurgie an den SLK-Kliniken Heilbronn auf dem letztjährigen Operation Karriere Kongress in Frankfurt. Denn während in anderen operativen Fächern kleine Fehler noch tolerierbar seien, wäre das in der Gefäßchirurgie nicht so. Wichtig sind außerdem: Eine psychische und physische Belastbarkeit und die Akzeptanz von hierarchischen Strukturen, so Dr. Karl. Denn bei Operationen muss es oft schnell gehen, da würden flache Hierarchien nur begrenzt funktionieren. 

Wer konkrete Fragen zum Fachgebiet hat, kann Dr. Carola Wieker kontaktieren. Sie ist Sprecherin des Jungen Forums der Deutschen Gesellschaft für Gefäßchirurgie und Gefäßmedizin

Fakten zur Weiterbildung

Die Weiterbildungszeit in der Gefäßchirurgie beträgt 72 Monate bei einem Weiterbildungsbefugten an einer Weiterbildungsstätte, davon

  • müssen 48 Monate in Gefäßchirurgie abgeleistet werden
  • müssen 6 Monate in der Notfallaufnahme abgeleistet werden
  • müssen 6 Monate in der Intensivmedizin abgeleistet werden
  • können zum Kompetenzerwerb bis zu 12 Monate Weiterbildung in anderen Gebieten
  • erfolgen

Werden im Gebiet Chirurgie zwei Facharztkompetenzen erworben, so beträgt die gesamte Weiterbildungszeit mindestens neun Jahre.

Übergreifende Inhalte im Gebiet Chirurgie

  • Wesentliche Gesetze, Verordnungen und Richtlinien
  • Chirurgische Techniken und Instrumentengebrauch, insbesondere Inzision, Präparation, Retraktion, Naht- und Knotentechniken einschließlich Laseranwendung unter Berücksichtigung der verschiedenen Gewebestrukturen
  • Chirurgische perioperative Behandlung einschließlich Vorbereitung, Lagerungstechniken, Nachsorge und Komplikationsmanagement sowie Indikationsstellung zu weiterführenden Maßnahmen
  • Techniken der temporären Ruhigstellung und Fixationsverbände
  • Prophylaxe, Diagnostik und Therapie von Thrombosen
  • Wundheilung und Narbenbildung
  • Wundmanagement und stadiengerechte Wundtherapie sowie Verbandslehre einschließlich verschiedene Wundauflagen, Unterdruck- und Kompressionstherapie
  • Defektdeckung bei akuten und chronischen Wunden
  • Grundlagen der medikamentösen Tumortherapie
  • Basisbehandlung palliativmedizinisch zu versorgender Patienten
  • Scoresysteme und Risikoeinschätzung

Lokalanästhesie und Schmerztherapie

  • Lokal- und Regionalanästhesien
  • Abklärung peri- und postoperativer Schmerzzustände
  • Diagnostik und Therapie nach dokumentierten Schmerztherapieplänen
  • Behandlung von Patienten mit komplexen Schmerzzuständen
  • Injektionen und Punktionen

Notfall- und Intensivmedizin

  • Erkennung und Behandlung akuter Notfälle einschließlich lebensrettender Maßnahmen
  • Kardiopulmonale Reanimation
  • Pathophysiologie von schweren Verletzungen, des Polytraumas und deren Folgen
  • Indikationsstellung zur Notfall-Laparotomie und Thorakotomie
  • Überwachung, Monitoring, Dokumentation und Betreuung von intensivmedizinischen Patienten
  • Differenzierte Beatmungstechniken
  • Atemunterstützende Maßnahmen bei intubierten und nicht-intubierten Patienten
  • Beatmungsentwöhnung bei langzeitbeatmeten Patienten
  • Mitbehandlung bei septischen Krankheitsbildern
  • Pharmakologie der Herz-Kreislauf-Unterstützung
  • Infusions-, Transfusions- und Blutersatztherapie, enterale und parenterale Ernährung
  • Zentralvenöse Zugänge (Richtzahl: 20)
  • Arterielle Kanülierung und Punktionen
  • Thorax-Drainage
  • Legen eines transurethralen und/oder suprapubischen Katheters

Spezifische Inhalte der Facharzt-Weiterbildung Gefäßchirurgie

Übergreifende Inhalte der Facharzt-Weiterbildung Gefäßchirurgie

  • Erkrankungen, Verletzungen, Infektionen und Fehlbildungen bei Arterien, Venen und Lymphgefäßen
  • Periinterventionelle Behandlung
  • Indikationsstellung zur fachbezogenen humangenetischen Beratung
  • Wissenschaftlich begründete Gutachtenerstellung

Gefäßchirurgische Notfälle

  • Diagnostik und Erstmaßnahmen bei akutem Verschluss von peripheren/zentralen Arterien, Venen und nach Gefäßeingriffen (Richtzahl: 50), insbesondere
  1. bei akutem arteriellem Verschluss bei peripherer Thrombose/Embolie
  2. bei akutem arteriellem Verschluss bei Tourniquet-Syndrom
  3. bei akutem arteriellem Verschluss bei Kompartmentsyndrom
  4. bei akutem Leriche Syndrom
  5. bei akuter viszeraler Ischämie

Operative und endovaskuläre Therapie gefäßchirurgischer Notfälle (Richtzahl: 20), insbesondere

  1. peripherer oder zentraler Gefäßverletzung
  2. akuter schwerer Blutung aus zentralen und peripheren Gefäßen
  3. Aortendissektion, Ruptur eines Aortenaneurysma
  4. Gefäßdissektion
  5. an Viszeralarterien
  6. akuter zentralneurologischer vaskulärer Notfall

Diagnostische Verfahren

  • Klinische und apparative Gefäßuntersuchungen
  • Gerinnungsphysiologische, immunologische und hämostaseologische Testverfahren und Labordiagnostik
  • B-Modus-Sonographie der peripheren Arterien und Venen (Richtzahl: 100)
  • CW-Doppler-Sonographie der peripheren Arterien und Venen (Richtzahl: 100)
  • CW-Doppler-Sonographie der extrakraniellen hirnversorgenden Arterien (Richtzahl: 100)
  • Duplex-Sonographie der peripheren Arterien (Richtzahl: 100)
  • Duplex-Sonographie der peripheren Venen (Richtzahl: 100)
  • Duplex-Sonographie der abdominellen, retroperitonealen und mediastinalen Gefäße (Richtzahl: 100)
  • Duplex-Sonographie der extrakraniellen hirnversorgenden Arterien (Richtzahl: 100)
  • Indikation, Durchführung und Befunderstellung der intraoperativen und intraprozeduralen radiologischen Befundkontrolle
  • Indikationsstellung und Befundinterpretation weiterer bildgebender Verfahren, insbesondere
  1. Angiographien einschließlich interventioneller Verfahren, davon
  • Digitale Subtraktionsangiographie (DSA)
  • CT-Angiographie
  • MR-Angiographie

  • Planung von endovaskulären Eingriffen einschließlich Beurteilung und Ausmessung von Schnittbilddiagnostik (Richtzahl: 25)

Offen-operative und endovaskulär-therapeutische Verfahren

  • Punktions- und Katheterisierungstechniken einschließlich der Gewinnung von Untersuchungsmaterial
  • Weichteil-Drainagen
  • Anlage und Korrektur von getunnelten zentralvenösen Kathetern und Portsystemen (Richtzahl: 30)
  • Anlage und Korrektur von Dialyse-Shunts (Richtzahl: 30)
  • Gliedmaßen- und Grenzzonenamputation, operative Behandlung des diabetischen Fußsyndroms und operative Ulkusbehandlung einschließlich Defektdeckung (Richtzahl: 50)
  • Thrombolytische Verfahren in Arterien und Venen
  • Revaskularisierende und rekonstruierende Eingriffe an supraaortalen Arterien (Richtzahl: 25), davon
  1. offene Eingriffe (Richtzahl: 20)
  • Revaskularisierende und rekonstruierende Eingriffe im brachialen, femoro-poplitealen und cruro-pedalen Gefäßabschnitt (Richtzahl: 100)
  • Revaskularisierende und rekonstruierende Eingriffe an thorakalen, aortalen, viszeralen und iliakalen Gefäßen (Richtzahl: 50)
  • Endovaskuläre Eingriffe, auch in interdisziplinärer Kooperation (Richtzahl: 60), davon
  1. an peripheren Arterien (Richtzahl: 10)
  2. an der Aorta (Richtzahl: 10)
  • Neurovaskuläre Kompressionssyndrome
  • Methoden und Techniken der endovaskulären Embolisation und Okklusion bei Gefäßerkrankungen
  • Erste Assistenz bei operativen Eingriffen höherer Schwierigkeitsgrade, z. B. komplexe intrathorakale und intraabdominale Rekonstruktionen

Phlebologische Therapie

  • Eingriffe am Venensystem (Richtzahl: 60), davon
  1. offen chirurgisch, z. B. Varizen-Stripping, Perforatorligaturen, Seitenastexhairese (Richtzahl: 50)
  2. endovenös, Sklerosierungsverfahren
  3. Periprozedurale und operative Therapie des postthrombotischen Syndroms
  4. Periprozedurale Behandlung von sekundären venösen und lymphatischen Ödemen
  5. Primäre venöse und lymphatische Ödeme

Perioperative Gefäßmedizin

  • Perioperative Therapie gefäßmedizinischer Erkrankungen einschließlich Infusionstherapie mit vasoaktiven Substanzen
  • Maßnahmen der Primärprävention von Gefäßerkrankungen
  • Beratung einschließlich Basismaßnahmen der Sekundär- und Tertiärprävention von Gefäßerkrankungen
  • Strukturierte Raucherentwöhnung

Vaskuläre Malformationen

  • Klinische und sonographische Diagnostik von vaskulären Malformationen einschließlich Gefäßtumoren
  • Therapieoptionen bei Gefäßmalformationen und von gebietsbezogenen Tumoren, z. B. konservativ, endovaskulär, lasergestützt und operativ

Septische Gefäßchirurgie

  • Septische Gefäßerkrankungen und deren Komplikationen
  • Einsatz autologer, allogener und xenogener Gefäßersatzmaterialien

Wundmanagement bei vaskulärer Ursache

  • Chirurgisches Wunddébridement (Richtzahl: 50)
  • Spalthauttransplantationen (Richtzahl: 20)
  • Indikationsstellung zur kausalen und lokalen Therapie sowie Management vaskulär verursachter Wunden einschließlich des diabetischen Fußsyndroms (Richtzahl: 100)

Strahlenschutz

  • Grundlagen der Strahlenbiologie und Strahlenphysik bei der Anwendung ionisierender Strahlen am Menschen
  • Grundlagen des Strahlenschutzes beim Patienten und Personal einschließlich der Personalüberwachung und des baulichen und apparativen Strahlenschutzes
  • Voraussetzungen zur Erlangung der erforderlichen Fachkunden im gesetzlich geregelten Strahlenschutz

Quellen: Berufsverband der Deutschen Chirurgen e.V. (BDC), www.chirurg-werden.de und Musterweiterbildungsordnung 2018 der Bundesärztekammer

Finde hier Informationen, Interviews, News und Videobeiträge rund um das Facharztgebiet Chirurgie und ihre unterschiedlichen Fachrichtungen.

Die Richtlinien der Weiterbildungsordnung können ganz schön verwirrend sein. Wie lange dauert die jeweilige Weiterbildung? Welche Inhalte gibt es? Welche Anlaufstellen kann man bei Fragen kontaktieren? Alle Antworten findest du hier.