Überblick: Weiterbildung Laboratoriumsmedizin

Was tut ein Laboratoriumsmediziner eigentlich den ganzen Tag und wie erwirbt man diesen Facharzttitel? Hier steht, wie lange die Weiterbildung dauert, welche Fähigkeiten erlernt werden und warum Laborärzte morgens länger schlafen können.

Labormedizin

Die Weiterbildung zum Facharzt für Laboratoriumsmedizin dauert fünf Jahre. | Foto: Totojang1977/Fotolia.com

„Es gibt dieses Vorurteil, Laborärzte arbeiteten einsam über ihre Proben gebeugt“, sagt Eva Maria Quade, die ihre Facharztweiterbildung in der Laboratoriumsmedizin macht und in einem Medizinischen Versorungszentrum (MVZ) angestellt ist, „aber in Wirklichkeit ist das Gegenteil der Fall!“ Denn in einem Labor eines Medizinischen Versorgungszentrums (MVZ) gäbe es einige deutliche Unterschiede zum Alltag im Krankenhaus. Dort hat jeder Mitarbeiter meist seinen eigenen Arbeitsplatz, bei Fragen und Problemen kann man sich direkt an die anderen Ärzte wenden. Und: Mit den direkten Kollegen steht nicht nur einer, sondern gleich mehrere fachkundige Betreuer und Weiterbildungsberechtigte zur Seite. „Der Schlüssel zwischen Weiterbildungsassistenten und weiterbildungsberechtigtem Fach- oder Oberarzt ist in der Labormedizin eigentlich unschlagbar“, sagt Dr. Eike Albers, Facharzt für Laboratoriumsmedizin, und direkter Ansprechpartner für Eva Maria Quade. "Auf zwei Weiterbildungsassistenten kommen vier Weiterbildungsberechtigte, die Betreuung ist besser als eins zu eins." 

Arbeitstag beginnt um 9 Uhr

Ein weiterer Vorteil dieser Weiterbildung (zumindest für Langschläfer) besteht darin, dass der Arbeitstag später beginnt als im Klinikum. Die Laborproben werden in den Arztpraxen am Morgen gesammelt und treffen ab 11 Uhr im Labor ein, weshalb die Labordiagnostik entsprechend später beginnt. Während ihres Arbeitstages ist es die Hauptaufgabe von Laboratoriumsmedizinern, Laborbefunde für die Diagnostik und Stadieneinteilung von Krankheiten zu erstellen. Auffällige Werte müssen erkannt und medizinisch eingeordnet werden. 

Aus diesen Ergebnissen leitet sich dann die bestmögliche spezifische Therapie für die Patienten ab. Neben den medizinischen Aspekten ist auch die Kenntnis und Überwachung der technischen Geräte wichtig, zudem nimmt die Kommunikation mit den direkten Kollegen, aber auch mit den behandelnden Ärzten einen hohen Stellenwert ein. Innerhalb der Labormedizin arbeiten etliche Ärzte mit unterschiedlichen Schwerpunkten eng zusammen, z.B. aus den Bereichen Mikrobiologie, Rheumatologie, Humangenetik, Endokrinologie und Transfusionsmedizin.

Mangel an Laboratoriumsmedizinern, wohin man blickt

Wie in vielen anderen Facharztrichtungen gibt es auch in der Laboratoriumsmedizin einen Nachwuchsmangel. Insgesamt arbeiten in Deutschland 1.146 Fachärzte und Fachärztinnen der Laboratoriumsmedizin (Stand 2018). Der überwiegende Teil der praktizierenden Laboratoriumsmediziner ist 50 Jahre oder älter (798 Ärztinnen und Ärzte). Bundesweit gibt es gerade einmal 16 Laboratoriumsmediziner und -medizinerinnen, die jünger als 34 Jahre alt sind. Wegen dieses Mangels an Fachpersonal werden viele Laboratorien in Krankenhäusern nicht von Laborärzten, sondern von Internisten geleitet. Wer sich für diese Facharztweiterbildung entscheidet, wird sich den späteren Arbeitgeber also aussuchen können. 

Fakten zur Weiterbildung

Die Dauer der Weiterbildung

Die Weiterbildungszeit in der Laboratoriumsmedizin beträgt 60 Monate bei einem Weiterbildungsbefugten an einer Weiterbildungsstätte, davon

  • müssen 30 Monate in klinischer Chemie, im immunologischen, hämatologischen, hämostaseologischen und molekulargenetischen Labor abgeleistet werden
  • müssen 12 Monate im mikrobiologischen Labor abgeleistet werden
  • müssen 6 Monate im immunhämatologischen Labor abgeleistet werden
  • müssen 12 Monate in der stationären Patientenversorgung abgeleistet werden

Übergreifende Inhalte der Facharzt-Weiterbildung Laboratoriumsmedizin

  • Wesentliche Gesetze, Verordnungen und Richtlinien
  • Grundsätze des Labormanagements einschließlich der Laborsicherheit
  • Grundlagen laborspezifischer Informations- und Managementsysteme
  • Grundlagen der Laboranalysesysteme
  • Beratung der anfordernden Ärzte zu den Befunden labormedizinischer Untersuchungen

Analytik und Einordnung in den medizinischen Kontext

  • Erstellung von Standard Operating Procedures (SOP) oder vergleichbaren Qualitätsmanagement-Dokumenten
  • Präanalytik, insbesondere Patientenvorbereitung, Probennahme, Probenvorbereitung, Eingangskontrolle, Einflussgrößen, Störfaktoren, Kurz- und Langzeitlagerung sowie Asservierung von Untersuchungsmaterial
  • Erstellung und Überarbeitung eines Präanalytikleitfadens
  • Validierung analytischer Verfahren, insbesondere Spezifität, Sensitivität, Nachweisgrenzen, Interferenzen, Referenzmethoden, Rückführbarkeit, Verschleppung, Störfaktoren, Methodenvergleich und technische Plausibilitätsprüfung
  • Methodenvalidierung
  • Postanalytik, insbesondere präsymptomatische diagnostische Methoden und Risikoberechnungen, Referenzintervalle und biologische Variabilität, prädiktive Werte klinisch-chemischer Kenngrößen einschließlich diagnostischer Sensitivität und Spezifität sowie Penetranz genetischer Merkmale
  • Labormedizinische Plausibilitätsprüfung, Befunderstellung und fallbezogene Interpretation von Befunden
  • Teilnahme an klinischen Visiten (Richtzahl: 50)

Technische Verfahren

  • Zelluläre Diagnostik
  • Mikroskopie im Hellfeld, Phasenkontrast und Immunfluoreszenz mit geeigneten Färbeverfahren sowie Durchflusszytometrie
  • Trenntechniken, z. B. Chromatographie, Elektrophorese
  • Grundsätze qualitativer Nachweise und quantitativer Bestimmungsmethoden
  • Durchführung analytischer Verfahren, insbesondere Photometrie, Spektrometrie, elektrochemische Verfahren, Nukleinsäureanalyse, immunchemische Verfahren

Klinische Chemie

  • Bestimmung notwendiger Messgrößen und Funktionstests bei hereditären und erworbenen Stoffwechselstörungen und bei Erkrankungen
  • Metabolismus und Regulation von
  1. Kohlenhydraten
  2. Lipiden und Lipoproteinen
  3. Aminosäuren und Proteinen
  4. Nukleinsäuren
  5. Porphyrinen
  6. biogenen Aminen
  7. Eisenstoffwechsel
  8. Wasser- und Elektrolythaushalt
  9. Säuren- und Basen-Haushalt und Blutgasen
  10. Vitaminen und Spurenelementen

Metabolismus und Regulation im Kontext der Erkrankung von

  1. exokrinem Pankreas und Verdauungstrakt
  2. Leber und Galle
  3. Nieren und abführenden Harnwegen
  4. Herz-Kreislaufsystem
  5. Skelett- und Bewegungssystem
  6. Zentralnervensystem

Maligne Tumoren

  • Screening, Früherkennung, Tumorprädisposition und Entstehung von malignen Tumoren
  • Bestimmung von Tumormarkern bei hereditären und sporadischen Tumoren
  • Onkogene und Tumorsuppressorgene
  • Nachweis von Tumorzellen und freier DNA im zirkulierenden Blut

Therapeutisches Drugmonitoring und Toxikologie

  • Grundlagen der Pharmakologie, insbesondere Pharmakokinetik, Pharmakodynamik, Pharmakogenetik, Bioverfügbarkeit
  • Planung und Bestimmung von Medikamentenspiegeln (TDM)
  • Grundlagen der medikamentösen Therapie unter Berücksichtigung individueller genetischer Veranlagung
  • Pathomechanismen häufig vorkommender Vergiftungen
  • Grundsätze der Bedeutung von Such- und Bestätigungsanalysen
  • Nachweis häufig vorkommender Gifte, Drogen und Medikamente
  • Labormedizinische Verlaufsbeurteilung von Intoxikationen mittels Anionenlücke, Osmolalität, Cholinesterase und Methämoglobin

Hämatologisches Labor

  • Grundlagen der Hämatopoese und der Hämoglobinvarianten
  • Beurteilung der morphologischen Bestandteile des peripheren Blutbildes und des Knochenmarks
  • Beurteilung manueller mikroskopischer Differentialblutbilder mit pathologischen Zellmustern (Richtzahl: 500)
  • Immunphänotypisierung und molekulargenetische Diagnostik von hämatologischen Systemerkrankungen
  • Leukozytentypisierung mittels Immunphänotypisierung (Richtzahl: 50)

Hämostaseologisches Labor

  • Grundlagen der Hämostase und hämostaseologischer Erkrankungen
  • Grundlagen antikoagulatorischer und fibrinolytischer Therapie
  • Hämostaseologische Diagnostik, insbesondere Bestimmung der Thrombozytenfunktion, Charakterisierung der plasmatischen Gerinnung mittels Globaltests und Bestimmung von Faktorenaktivitäten und -konzentrationen sowie Nachweis von Inhibitoren, Kontrolle gerinnungshemmender Therapien

Endokrinologisches Labor

  • Grundlagen der hereditären und erworbenen Erkrankungen der endokrinen Organe und Systeme
  • Bestimmung von Parametern zur Erkennung und Verlaufsbeurteilung von Störungen endokriner Systeme, insbesondere der Schilddrüse, der Nebenschilddrüse, der Nebenniere, des Pankreas, der Gonaden, der Plazenta und des Hypothalamus-Hypophysensystems
  • Grundlagen hormoneller Wirkung und endokriner Regelkreise
  • Bestimmung von Hormonen bei Kinderwunsch und Schwangerschaft
  • Beurteilung von Stimulations- und Suppressionstests

Immunologisches und immungenetisches Labor

  • Erstellung von autoimmunologischen Befunden (mit je mehr als 2 Parametern)
  • Bestimmung von Immunglobulinen, Komplementfaktoren, Paraproteinen und Zytokinen
  • Grundlagen des humoralen und zellulären Immunsystems
  • Grundlagen der häufigsten immunologischen Erkrankungen sowie von Autoimmunerkrankungen
  • Grundlagen der immunmodulatorischen Therapie
  • Grundlagen der Allergiediagnostik
  • Zelluläre Stimulationstests (Richtwert: 100)

Immunhämatologisches Labor

  • Blutgruppenbestimmungen bei Patienten
  • Grundlagen für den Verkehr von Blut und Blutprodukten sowie der Organisation der Blutversorgung im Katastrophenfall
  • Grundlagen des Führens einer Blutbank
  • Verträglichkeitsproben
  • Management von transfusionsmedizinischen Nebenwirkungen einschließlich deren Therapiemaßnahmen
  • Bestimmung von irregulären immunhämatologischen Antikörpern und Antigenen (Richtzahl: 100)
  • Grundlagen der Transplantationsimmunologie und Organspende
  • Therapie mit Hämotherapeutika
  • Aufbau von Transfusionskommissionen
  • Diagnostische und therapeutische Konsiliartätigkeit

Infektiologische Untersuchungen

  • Kulturelle bakteriologische und mykologische Untersuchungen, insbesondere Keimdifferenzierung und Resistenztestung einschließlich Beurteilung sowie molekularbiologische Methoden aus Blut, Sputum, bronchoalveolärer Lavage, Punktaten, Urin, Gewebe, Stuhl, Abstrichen und Kulturmaterial
  • Mikroskopische, biochemische, immunologische und molekularbiologische Methoden zum Direktnachweis von Bakterien, Viren, Pilzen und anderen übertragbaren Agenzien
  • Infektionsserologischer Nachweis von Antigenen und Antikörpern
  • Symptomatologie, Laboratoriumsdiagnostik und Verlaufsbeurteilung der durch infektiöse Agenzien verursachten Erkrankungen
  • Mikrobiologische, virologische und hygienische Überwachung von Krankenhausbereichen einschließlich der Bewertung therapeutischer und desinfizierender Substanzen
  • Auswertung epidemiologischer Erhebungen nosokomialer Infektionen sowie die Erfassung von Erregern und Resistenzen/Multiresistenzen (Richtzahl: 10)
  • Empfindlichkeitsbestimmungen gegenüber Arznei- und Desinfektionsmitteln

Genetische Untersuchungen

  • Grundlagen der Entstehung und Wirkung von Mutationen und Polymorphismen, Genwirkung, molekulare Genetik, formale Genetik und genetische Epidemiologie
  • Methoden molekulargenetischer und klinisch-chemischer Diagnostik und monogen, polygen, multifaktoriell und mitochondrial bedingter Erkrankungen
  • Diagnostische genetische Untersuchungen von nativen oder amplifizierten Nukleinsäuren mit verschiedenen Nachweismethoden, z. B.
  1. allelspezifische Oligonukleotidhybridisierung (ASO)
  2. allelspezifische Amplifikation (ASA)
  3. Sequenzierung
  4. Restriktionsfragmentlängenpolymorphismus (RFLP)

Quellen: Musterweiterbildungsordnung der Bundesärztekammer 2018

Die Richtlinien der Weiterbildungsordnung können ganz schön verwirrend sein. Wie lange dauert die jeweilige Weiterbildung? Welche Inhalte gibt es? Welche Anlaufstellen kann man bei Fragen kontaktieren? Alle Antworten findest du hier.