Kein Opfer werden: So reagierst Du souverän auf gewalttätige Patienten

Drohungen, Beleidigungen oder sogar Handgreiflichkeiten: Gewalttätige Übergriffe gegen Ärzte nehmen – zumindest gefühlt – immer weiter zu. Der Fachmann für Kriminalprävention Dr. Martin Eichhorn gibt Tipps, wie Du im Ernstfall am besten reagieren kannst.

Stop! Wenn ein Patient verbal oder körperlich übergriffig wird, musst Du das nicht einfach hinnehmen. Wer sich ein bisschen vorbereitet, kann sich souverän gegen eine Beleidigung oder einen Angriff wehren. | luismolinero - stock.adobe.com

In der Notaufnahme verliert ein Patient die Nerven und fängt an, einen Arzt oder das Pflegepersonal zu beschimpfen. Im Wartezimmer wird ein Vater laut, der nicht weiß, wie es seinem kleinen Sohn geht. Im Rettungswagen randaliert ein alkoholisierter Patient und schlägt auf die Rettungskräfte ein. Es sind oft Ausnahmesituationen wie diese, in denen Patienten gewalttätig werden. „Wichtige Faktoren, wenn es zu Gewalt gegen medizinisches Personal kommt, sind oft Schmerzen, Alkohol – aber auch Sorge um Angehörige“, verrät Eichhorn, „Aggression entsteht oft aus Unsicherheit“. Eine gute Maßnahme zur Prävention sei es, beispielsweise die nächsten Schritte oder die Wartezeiten besser zu kommunizieren.

Die häufigsten Angreifer: Männlich und jünger als 25 Jahre

Dr. Martin Eichhorn ist zertifizierte Fachkraft für Kriminalprävention | privat

„Gewalttäter sind meistens männlich und jünger als 25 Jahre“, erklärt der Präventionsexperte. Natürlich gebe es Ausnahmen, aber genau deshalb seien Gynäkologen seltener von Gewalt betroffen als andere Fachärzte. Stark betroffen seien dagegen Notärzte, Rettungskräfte und alle, die in der Notaufnahme arbeiten – aber Konflikte mit Patienten könne es grundsätzlich in allen Bereichen geben. Oft spielt auch Stress und Personalmangel auf ärztlicher Seite eine Rolle: „Nach einer langen Schicht reagiert man oft nicht mehr so entspannt und deeskalierend, wie es wünschenswert wäre. Aber trotzdem würde ich sagen, dass der größte Teil der Konflikte von den Patienten ausgeht“, schätzt Eichhorn.

Grundsätzlich muss zwischen verbaler Gewalt – also Drohungen, Beschimpfungen, Beleidigungen – und körperlicher Gewalt unterschieden werden. „Verbale Übergriffe sind natürlich deutlich häufiger als körperliche Gewalt“, erklärt der Experte. Je nach Herkunft und Milieu sind es aber die meisten Mediziner nicht gewohnt, mit verbalen Übergriffen umzugehen: „Die meisten sind erstmal verschreckt, überfordert und verstummen unter Umständen. Schlagfertigkeit wäre gut – aber das ist in so einer Situation nur den wenigsten gegeben“.

„Ich helfe Ihnen gern, aber nicht in diesem Ton“

Eichhorn empfiehlt daher eine gute Vorbereitung auf mögliche verbale Angriffe: Sein Rat ist es, sich schon im Vorfeld ein paar Formulierungen zurechtzulegen, mit denen man sich wohl fühlt und die zu einem passen. „Im Grunde reicht schon eine ganz minimale Reaktion“, verrät der Präventionsexperte. Also: Gelassen bleiben und mit „so, so“ oder „ach was“ auf die Beleidigung reagieren – das nimmt dem Aggressor den Wind aus den Segeln. „Man kann auch sagen ‚Ich helfe Ihnen gern, aber nicht in diesem Ton‘ und dem anderen so eine Grenze aufzeigen. Oder wenn man etwas schlagfertiger wirken möchte, kann man auch fragen: ‚Oh, können wir diesen Teil überspringen?‘ oder ‚Gibt es Sie auch in nett?‘. Mit dem richtigen Spruch im richtigen Moment kann man Leute mundtot machen“, rät Eichhorn. Es gehe vor allem darum, zu zeigen, dass man nicht als Opfer bereitstehe.

Als Arzt bekommt man es auch immer wieder mit Patienten zu tun, die Opfer von Gewalt geworden sind. Das NRW-weite Projekt „iGOBSIS-pro“ soll Ärzte bei der Versorgung unterstützen. Die Uni Düsseldorf sucht derzeit nach Nutzern in NRW, die mit dem System arbeiten möchten.

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Und auch bei körperlicher Gewalt reagieren die meisten Menschen erstmal überfordert. Spontan neigen wir seit Urzeiten zu drei Verhaltensmustern, wenn wir angegriffen werden:

  • Flucht: Wenn wir weglaufen können, laufen wir weg.
  • Gegenangriff: Wenn wir nicht weglaufen können oder es eher unserer Persönlichkeit entspricht, setzen wir uns zur Wehr und kämpfen.
  • Schockstarre: Das Gewaltopfer friert quasi ein und bewegt sich überhaupt nicht mehr. „Das hat unseren Vorfahren geholfen, weil viele tierische Fressfeinde auf Bewegung reagieren. Heute hilft es uns leider nicht mehr“, erklärt Eichhorn.

Sich effektiv wehren

Das Problem: Der Angreifer rechnet bei seinen Opfern auch mit diesen Verhaltensmustern – und meistens ist er seinem Opfer überlegen. Sei es, weil er in seiner Biografie schon viel Erfahrung mit Gewalt gesammelt hat, sei es, weil er körperlich kräftiger ist, oder weil er die Überraschung auf seiner Seite hat. „Das Opfer sollte etwas tun, was nicht in dieses Schema fällt – das überfordert und verwirrt den Gewalttäter und gibt dem Opfer die Möglichkeit, sich aus der Affäre zu ziehen“, rät Eichhorn. Dazu empfiehlt er Präventionsexperte drei Methoden:

  1. Angreifer abwehren durch Lärm: Wenn Du den Angreifer mit ganzer Kraft anbrüllst, kannst Du ihn tatsächlich in die Flucht schlagen. Positiver Nebeneffekt: Das Geschrei macht andere Menschen in der Umgebung wie Kollegen oder andere Patienten auf Deine Notlage aufmerksam. Denn Öffentlichkeit ist immer wichtig: So werden andere Leute zu Zeugen und können eventuell weitere Hilfe rufen. Alternativ zur eigenen Stimme kann auch ein Taschenalarm helfen, der einen Ton von 110 Dezibel auslösen kann.
  2. Angreifer abwehren durch Ekel: Eine zweite und weniger bekannte Methode ist es, den Angreifer durch Ekelgefühle abzuschrecken. „Ekel setzt den gesamten Organismus in Alarmbereitschaft – wenn etwas Ekliges auf der Straße liegt, schreckt man sofort zurück“, erklärt Eichhorn. Konkret auf den Angreifer bezogen bedeutet das: Wenn Du plötzlich kräftig hustest und würgst und so tust, als würdest Du Dich gleich übergeben, löst das ein Ekel-Kopfkino beim Angreifer aus. Alternativ hilft es auch, etwas von „Durchfall, die ganze Nacht, lassen Sie mich durch, ich muss aufs Klo“ zu murmeln. Auch das bringt den Angreifer auf Distanz und kann verhindern, dass er zuschlägt.
  3. Angreifer abwehren durch simulierte Krankheit: Egal, ob Du einen Herzinfarkt, einen epileptischen Anfall oder plötzliche Blindheit simulierst: All das kann dafür sorgen, den Gewalttäter zu verwirren und von seinem Angriff abzuhalten. Nur glaubwürdig muss es sein – zumindest für einen Laien. Als Mediziner bist Du hier im Vorteil, weil Du täglich mit Krankheiten zu tun hast und die Symptome kennst. Wichtig: Auf keinen Fall beim Schauspielern zu Boden gehen – dann bist Du dem Angreifer gegenüber in einer schwächeren Position.

Bei allen Methoden gilt: Sie halten den Angreifer nicht dauerhaft auf – aber sie können Dir Zeit geben, zu flüchten und Dich in Sicherheit zu bringen. Und: Das klappt wahrscheinlich alles nicht spontan. Du solltest Dir also regelmäßig etwa einmal pro Monat Zeit nehmen, das Szenario und Deine mögliche Reaktion in Gedanken durchzuspielen.

Die Polizei, Dein Freund und Helfer

Und wann sollten wir die Polizei rufen? „Nach meiner Erfahrung wird die Polizei im medizinischen Bereich eher zu selten gerufen“, verrät Eichhorn. Mediziner sollten sich klar machen, dass die Polizei eine Dienstleisterin sei, deren Aufgabe es sei, genau solche Probleme zu lösen. „Gerade Menschen in helfenden Berufen haben aber eine unglaublich hohe Schmerzgrenze, wenn es darum geht, die Polizei hinzuzuziehen“, beklagt der Präventionsexperte. „Grundsätzlich würde ich empfehlen, sich nicht so viel bieten zu lassen und die Polizei eher zu rufen bzw. zu kontaktieren – auch bei Beleidigungen oder sexueller Belästigung“.

Dr. Martin Eichhorn ist zertifizierte Fachkraft für Kriminalprävention und zertifizierter Trainer (TU Berlin). Er bietet im gesamten deutschsprachigen Raum Inhouse-Seminare zu Themen wie „Sicheres Handeln in eskalierenden Konflikten“, „Deeskalation“ oder „Umgang mit Grenzüberschreitungen und Beleidigungen“ an.

Unter anderem hat er für die Ärztekammer Niedersachsen eine Broschüre verfasst, die viele hilfreiche Tipps zum Thema Gewaltprävention aufgreift: „Übergriffe gegen Praxisteams - Vorbeugen und abwenden“ (pdf-Datei, 785 KB)

Mehr Infos: www.martin-eichhorn.berlin