Wie wir waren - Medizin im Wandel

Exklusiv bloggt der Spiegel-Bestsellerautor Falk Stirkat für Operation Karriere. Er erzählt über seinen spannenden Alltag als Notarzt und riskiert einen Blick in die chirurgischen Praktiken vergangener Zeiten. Heute: Wie hat man im 18. Jahrhundert bei Frauen einen Knoten in der Brust behandelt?

Hier bloggt Falk Stirkat

Hallo liebe Leser, 

Obwohl wir uns heutzutage wie selbstverständlich den Fortschritten in eigentlich allen medizinischen Fächern bedienen und die Herangehensweisen früherer Medizinergenerationen vielleicht sogar manchmal etwas belächeln, wussten sich die Gelehrten auch schon damals ganz gut zu helfen. In der Methodik einiger medizinischer Prozeduren kann man dabei zum Teil eine bemerkenswerte Ähnlichkeit zum heutigen Vorgehen feststellen. Immer wenn ich über die Entwicklung der Medizin in den letzten Jahrhunderten nachdenke, überlege ich, wie wohl die damaligen Ärzte ihr Handeln zum damaligen Zeitpunkt beurteilt haben und komme zu dem Schluss, dass sie vermutlich ebenso davon überzeugt gewesen sind mit den modernsten Mitteln zu behandeln, wie wir das heute auch von uns behaupten. Wer weiß, wie man in hundert Jahren über das spricht, was wir im Moment als ‚state oft the art’ Medizin bezeichnen. Vielleicht machen Entwicklungen in der Gentechnologie viele Therapieverfahren der heutigen Zeit völlig obsolet. Vielleicht fragen sich die Ärzte von Übermorgen, wie um alles in der Welt man denn auf die Idee kommen konnte Krebspatienten einen Giftcocktail einzuverleiben, von dem man hofft, er würde den Tumor eher um die Ecke bringen als den Patienten. All das wissen wir nicht und so müssen wir leider akzeptieren, dass das Wissen von heute eben auch nur den aktuellen Stand des Irrtums widerspiegelt. Interessant ist dann aber doch, dass einige so genannte moderne Verfahrensweisen in etwas abgewandelter Form schon vor vielen Jahren erfolgreich durchgeführt wurden.

Ein Knoten in der Brust

Eine 53-jährige und gesunde Witwe eines hiesigen Offiziers zeigte mir ein hartes, bewegliches, nicht schmerzhaftes und natürlich gefärbtes Geschwulst in der Mitte, und zwar im Kerne, das heißt in der drüsigen Substanz ihrer linken Brust. Dieses Geschwulst war nach dem Ausbleiben ihrer gewöhnlichen monatlichen Reinigung entstanden.

Ein Arzt hatte ihr die Schierlings- und die sogenannten balsamischen Pillen, auch Kräutermolke, zur Zerteilung dieser Verhärtung angeordnet. Auf ihren Arzt hatte die gute Frau ein so festes Vertrauen gesetzt, dass ihr wirklich der Knoten schon ein wenig abgenommen zu haben schien. Diese Hoffnung, durch innerliche Mittel geheilt zu werden, wollte ich ihr nicht nehmen, aber ich konnte ihr auch meine Meinung nicht verhehlen, dass ich nämlich ihre vollkommene Heilung, ohne Ausrottung dieses Knotens durch eine Operation, für unmöglich halte, und ich riet ihr, diese Operation nur nicht lange mehr zu verschieben, besonders, wenn sie in der Tiefe desselben einen stechenden Schmerz empfinden sollte.

Diesen empfand sie im Monat Mai, und am 6.Juni 1761, unterwarf sie sich der Operation. Der Knoten war ein cancer folliculosus oder tumor faccatus und enthielt eine schwarzbraune gelbliche Materie. Wegen der Beweglichkeit des Geschwulstes ging die Operation und Heilung glücklich und geschwind von statten. Die Narbe war stets geblieben bis an das Lebensende der Frau, welche im Jahr 1784, also 17 Jahre nach der Operation, an einer anderen Krankheit gestorben ist. 

Quelle: Karl Kaspar Siebold´s Chirurgisches Tagebuch: mit 6 Kupfertafeln, Autor: Karl Kaspar von Siebold, Grattenauer Verlag, Nürnberg 1792, S. 44-45.

 

So berichtet im Jahr 1761 der Chirurg Karl Kaspar Siebold in seinem Tagebuch von einer Patientin, die sich bei ihm mit einem Knoten in der Brust vorstellte. Der Frau waren von verschiedenen Seiten alle möglichen Tinkturen und Salben verschrieben worden. So hatte ihr ein Arzt eine Schierlingssalbe, kombiniert mit sogenannten balsamischen Pillen, empfohlen. Auch Kräutermolke war Teil der Behandlung. Ok – diesen Teil meine ich nicht mit den Behandlungsmethoden, die man heute noch immer einsetzt. Obwohl – auch heute gibt es noch selbst ernannte Spezialisten, die mit wissenschaftlich nicht untermauerten Methoden versuchen den Menschen das Geld aus der Tasche zu ziehen, indem sie leichte Antworten anbieten. Dabei verursachen doch Zuckerkügelchen nur eines: Diabetes. Vielleicht gibt es auch in diesem Punkt mehr Ähnlichkeiten zwischen damals und jetzt als auf den ersten Blick ersichtlich.

In Bezug auf die richtige Medizin jedoch, war man auch im 18. Jh. schon ziemlich weit. Denn in dem Bericht oben heißt es weiter, der Chirurg mahnte in Bezug auf eine Operation zur Eile und riet ausdrücklich von dem ganzen Kräuterzeug ab. Sehr zum Vorteil der Patientin, wie sich später herausstellt. Denn am 06. Juni 1761 entschied sich die Frau den Empfehlungen Siebolds zu folgen, nachdem sie einen stechenden Schmerz im Bereich der Brust gespürt hatte, der auch durch Verabreichung verschiedener heilender Pasten und Gebräue nicht abnahm. Lange Rede, kurzer Sinn – der Knoten war wahrscheinlich bösartig. Obwohl natürlich kein pathologisches Gutachten vorliegt, gibt die beschriebene Makroanatomie doch deutliche Hinweise auf die Genese des Bösewichts. Trotz fehlendem Staging und sicher nicht durchgeführter Lymphadenektomie lebte die Patientin noch 17 Jahre lang und verstarb, soviel sei verraten, an einer nicht tumorassoziierten Krankheit. 

Vita

geboren 1984, arbeitet Falk Stirkat seit 2010 als Arzt. Seiner anfänglichen Tätigkeit in einer großen chirurgischen Klinik ging das Studium der Humanmedizin an der renommierten Karl-Universität voraus. Es folgten Ausbildungszeiten in Notaufnahme und Intensivstation. Heute arbeitet der Autor als Leiter einer großen Notarztwache. Von seinen Erfahrungen als Notarzt erzählt er in seinen Büchern ich kam, sah und intubierte und 111 Gründe, Arzt zu sein.


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