Prof. Walter Stummer: Das braucht ein guter Neurochirurg

Im Interview beantwortet Prof. Dr. Walter Stummer, Direktor der Klinik für Neurochirurgie des Universiätsklinikums Münster, Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Neurochirurgie (DGNC) und weltweit einer der Besten seiner Zunft, worauf es bei der Facharztausbildung zum Neurochirurgen ankommt.

Prof. Dr. Walter Stummer

Prof. Dr. Walter Stummer, Direktor der Klinik für Neurochirurgie am Universiätsklinikum Münster. | Foto: UKM

Herr Professor Stummer, welche Fähigkeiten muss ein Assistenzarzt mitbringen, um später ein guter Facharzt im Bereich der Neurochirurgie zu werden?

Prof. Stummer: Neurochirurgie ist ein besonders breites Fach, welches in der Approbationsordnung aus meiner Sicht besser abgebildet sein könnte. Es erfordert am Ende der Weiterbildung neben zahlreichen praktischen Fähigkeiten solide Kenntnisse in der Neuroanatomie, Neurophysiologie, Neuropathologie und weiteren. Grundsätzlich wären wesentliche Voraussetzungen für einen Neurochirurgen ein Interesse an der Komplexität des menschlichen Gehirns und des Rückenmarks sowie die Bereitschaft zu lernen, auch den Umgang mit Patienten und Familien.

Manuelles Geschick ist für jedes chirurgische Fach und selbstverständlich auch für die Neurochirurgie von Nutzen, ist aber nicht das wichtigste Element, um erfolgreich die Neurochirurgie praktizieren zu können. Mindestens ebenso wichtig ist ein vernünftiges Maß an Selbsteinschätzung sowie die Fähigkeit zum überlegten Handeln, insbesondere bei Operationen, da in der Regel operative Fehler im Nervensystem nicht rückgängig gemacht werden können. In vielen Bereichen der Neurochirurgie ist die Fähigkeit zur Mikrochirurgie, also das Operieren unter dem OP-Mikroskop unter höchster Vergrößerung, hilfreich, aber nicht unentbehrlich.

Bei der Wirbelsäulenchirurgie kann, mit Ausnahme der minimalinvasiven Zugänge, ohne Mikroskop operiert werden. Die sogenannten stereotaktischen Verfahren bedürfen keiner besonderen Dexterität. Bei dieser Technik wird der Kopf der Patienten in einen starren Metallrahmen eingespannt, der ein Koordinatensystem vorgibt. Anhand der Koordinaten können millimetergenau schmale Sonden in das Gehirn vorgeschoben werden, zum Beispiel zur Entnahme von Gewebeproben oder zur Tiefenhirnstimulation, also der Implantation eines Hirnschrittmachers.

Nicht jeder ist geeignet, in einem chirurgischen Fach erfolgreich tätig zu sein, aber es sollte sich keiner abschrecken lassen, eine anspruchsvolle manuelle Tätigkeit verbunden mit einem hohen intellektuellen Anspruch zu kombinieren.

Welche gravierenden technischen Veränderungen hat Ihr Fachgebiet im Verlauf Ihrer Karriere durchlaufen?

Die Neurochirurgie entwickelt sich ständig weiter. In den 25 Jahren meines Wirkens haben sich zahlreiche Veränderungen ergeben, die die moderne Neurochirurgie prägen. Zu nennen ist unter anderem die Neuronavigation, die seit Anfang der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts im Einsatz ist. Mit diesem computergestützten Verfahren lassen sich Strukturen im Gehirn mittels Zeigeeinrichtungen mit der vor der Operation eingeholten Bildgebung auf einem Bildschirm in Beziehung setzen, damit sich der Chirurg bei einer Operation im Gehirn oder an der Wirbelsäule besser orientieren kann.

Ein anderes Verfahren ist die  Endoskopie, die auch an anderen Regionen des Körpers zur Anwendung kommt. Durch die Endoskopie hat sich das Spektrum von Operationen erweitert, die man über einen Zugang durch die Nasenlöcher im Bereich der Schädelbasis operieren kann. Solche Verfahren haben große Zugänge, z.B. durch das Gesicht, ersetzt.

Prof. Dr. med Schmidmaier

Im Interview verrät Univ.-Prof. Dr. med. Gerhard Schmidmaier, Leiter Unfall- und Wiederherstellungschirurgie der Universitätsklinik Heidelberg, worauf es bei der Facharztausbildung zum Unfallchirurgen ankommt und gibt einen Ausblick auf die Entwicklung der Orthopädie.

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Als drittes Verfahren ist die fluoreszenzgestützte Chirurgie zu nennen. Dabei wird durch Gabe von Medikamenten Tumorgewebe zum fluoreszieren gebracht, wodurch es sich während der Operation besser abgrenzen lässt. Andere fluoreszierende Farbstoffe wie Indocyaningrün oder ICG können genutzt werden, um die Durchblutung in den Hirngefäßen bei den Operationen von Gefäßerkrankungen des Gehirns sichtbar zu machen. In diesem Bereich ist die Entwicklung noch nicht abgeschlossen.

Auch die Tiefenhirnstimulation steht erst am Anfang, ist aber inzwischen für die Parkinsonbehandlung unentbehrlich geworden, wenn Medikamente versagen.

Viele unserer Therapien sind durch einen gezielten Austausch und Kooperation mit Nachbardisziplinen wirkungsvoller geworden, z.B. durch Behandlung im Rahmen fachübergreifender Konferenzen in der Onkologie, der Epilepsiechirurgie, der Tiefenhirnstimulation oder der Gefäßchirurgie. Die Entwicklungen im Bereich der Bildgebung, insbesondere der MRT, hat das Verständnis für die Erkrankungen, die durch die Neurochirurgie behandelt werden, wesentlich verbessert.

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