Prof. Schmidmaier im Interview: Das braucht ein guter Unfallchirurg

Im Interview verrät Univ.-Prof. Dr. med. Gerhard Schmidmaier, Leiter Unfall- und Wiederherstellungschirurgie der Universitätsklinik Heidelberg, worauf es bei der Facharztausbildung zum Unfallchirurgen ankommt und gibt einen Ausblick auf die Entwicklung der Orthopädie.

Prof. Dr. med Schmidmaier

Prof. Dr. med Gerhard Schmidmaier ist Leiter der Unfall- und Wiederherstellungschirurgie der Universitätsklinik Heidelberg. | Foto: UK Heidelberg

Welche Fähigkeiten muss ein Assistenzarzt mitbringen, um später ein guter Facharzt im Bereich der Unfallchirurgie zu werden?

Prof. Schmidmaier: Durch die gemeinsame Weiterbildung von Orthopädie und Unfallchirurgie erfahren unsere Assistenzärztinnen und Assistenzärzte eine sehr spannende und breite Weiterbildung mit dem gesamten Spektrum der muskuloskeletalen Chirurgie.

Dies reicht von der konservativen Orthopädie, der Kinderorthopädie, der Handchirurgie, der Sportorthopädie / Traumatologie der Tumorchirurgie, der Endoprothetik, der Wirbelsäulenchirurgie usw, der Versorgung von Frakturen bis hin zum Polytrauma. Darüber hinaus werden im sog. "Common trunk" die spannenden Arbeiten in einer Ambulanz/Notaufnahme und auf der Intensivstation durchlaufen. Anschließend kann man sich in den Bereichen der speziellen Orthopädie oder der speziellen Unfallchirurgie weiterentwickeln.

Auch wenn unsere Patienten häufig nach einem Unfall in einer kritischen Situation zu uns kommen, ist es sehr befriedigend zu sehen, dass die Patienten meist nach der akuten Behandlung die Klinik in einem sehr guten und wiederhergestellten Zustand verlassen. Die Voraussetzungen hierfür sind in erster Linie die Freude daran mit Menschen zu arbeiten und ganz besonders die Teamfähigkeit.

Man sollte schon Freude daran haben mit seinen Händen zu arbeiten. Grobe Kraft ist hierfür nicht erforderlich sondern manuelles Geschick. Im Bereich der Universität sollte auf jeden Fall ein großes Interesse am wissenschaftlichen Arbeiten und an der Ausbildung von Studierenden bestehen. 

Welche gravierenden (technischen) Veränderungen haben Ihre Fachgebiete – Orthopädie und Unfallchirurgie – im Verlauf Ihrer Karriere durchlaufen?

Im Bereich der Orthopädie und Unfallchirurgie kommen ständig neue technische Veränderungen zu Gunsten unserer Patienten. Dies beinhaltet nicht nur neue Implantat-Systeme. Biologische Verfahren haben bereits einen festen Bestandteil bei der Behandlung unserer Patienten. Beispielsweise können heute Knochen- und Weichteildefekte mit Stammzellen und Wachstumsfaktoren wiederhergestellt werden. Auch biologisch aktive Implantate werden heute regelmäßig angewendet. 

Gibt es etwas, worauf Sie und Ihr Team bei der Ärztlichen Ausbildung besonders achten?

Der Patient steht immer im Mittelpunkt und ist meist nach einem Unfall in einer unvorbereiteten Ausnahmesituation. Hier übernehmen wir als Ärzte-Team eine ganz besondere Aufgabe, die unglaubliches Vertrauen voraussetzt. Offenheit und Ehrlichkeit gepaart mit Kompetenz und Mitgefühl sind hierbei oberstes Prinzip. Die operativen Techniken sind leicht zu erlernen. Wichtig ist es die richtigen Indikationen zu stellen und diese mit den Patienten verständlich zu besprechen. 

Wie wird sich Ihrer Einschätzung nach das Fachgebiet der Orthopädie in den kommenden Jahren entwickeln, worin sehen Sie die größten Herausforderungen?

Die größte Herausforderung im Bereich der Orthopädie und Unfallchirurgie ist die immer älter werdende Bevölkerung. Wir sehen immer häufiger osteoporotische Frakturen. Die älteren Patienten haben meist relevante Vorerkrankungen, die bei der Versorgung berücksichtigt werden müssen. Unser Ziel ist es gerade diesen Patienten nach der Behandlung ein menschenwürdiges Leben ohne Schmerzen möglichst in ihrer häuslichen Umgebung wieder zu ermöglichen. 

Was hat Sie dazu bewogen, Arzt zu werden?

Die große Freude daran Menschen helfen zu dürfen. Trotz der teilweise schwierigen Rahmenbedingungen muss und kann man dabei seinen Idealismus behalten. Darüber hinaus macht es sehr viel Spaß sein Wissen und Können an jüngere Kolleginnen und Kollegen weiter zu geben. Auch das wissenschaftliche Arbeiten ist hoch motivierend. Fragestellungen aus der Klinik können in den Laboren bearbeitet werden und die Lösungen wieder in der Klinik für unsere Patienten Anwendung finden. Der schönste Beruf, den man sich vorstellen kann – eher eine Berufung.

Herr Professor Schmidmaier, vielen Dank für das Interview.

 

Vita Gerhard Schmidmaier

Univ.-Prof. Dr. med. Gerhard Schmidmaier ist Leiter der Unfall- und Wiederherstellungschirurgie und Stellvertretender Direktor der Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie am Zentrum für Orthopädie, Unfallchirurgie und Paraplegiologie der Universitätsklinik Heidelberg.

Beruflicher Werdegang:

1990 - 1997: Studium der Humanmedizin, Vorklinikund Klinik an der Technischen Universität München

1997 - 2003: Wissenschaftlicher Mitarbeiter Klinik für Unfall- und Wiederherstellungschirurgie Charité, Campus Virchow Klinikum, Berlin (Direktor: Univ.-Prof. Dr. Dr. h.c. N.P. Haas) und Klinik für Allgemein-, Visceral-, und Transplantationschirurgie Charité, Campus Virchow Klinikum, Berlin (Direktor: Univ.-Prof. Dr. med. P. Neuhaus)

2003 – 2006: Oberarzt Centrum für Muskuloskeletale Chirurgie Klinik für Unfall- und Wiederherstellungschirurgie Klinik für Orthopädie Charité - Universitätsmedizin Berlin (Direktor: Univ.-Prof. Dr. Dr. h.c. N.P. Haas)

2006 – 2010: Leitender Arzt Unfallchirurgie Charité – Campus MitteCentrum für Muskuloskeletale Chirurgie Klinik für Unfall- und Wiederherstellungschirurgie Klinik für Orthopädie Charité - Universitätsmedizin Berlin (Direktor: Univ.-Prof. Dr. Dr. h.c. N.P. Haas)

Seit 1.2.2010: Leiter Unfall- und Wiederherstellungschirurgie, Department für Orthopädie, Unfallchirurgie und Paraplegiologie Universitätsklinikum Heidelberg

Mitgliedschaften in Ausschüssen und Kommissionen:

Mitglied des Weiterbildungsausschusses der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie

Mitglied der Leitlinienkommission der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie

Gründungsmitglied des „Jungen Forum der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie“

Mitglied „BMP Advisory Board“Mitglied “Group for the Respect of Ethics and Excellence in Science” (GREES)”