Die versuchte Kündigung

Dr. Peter Niemann schreibt über seine Ausbildung zum Internisten sowie der Zeit danach, aber auch über die Skurrilität eines Arztlebens in den USA. In diesem Beitrag erzählt er davon, warum er sein Arbeitsverhältnis an der Mayo-Klinik kündigen wollte und wie sein Chefarzt reagierte.

Arzt in Amerika

"Es lohnt sich, seine Vorstellungen geltend zu machen, ruhig auch mit Kündigungsabsicht."

Die Mayo-Klinik ist seit Mitte 2017 mein Arbeitgeber, und ich bin mit vielem sehr zufrieden. Die Kollegen sind nett, das Arbeitsumfeld ist spannend, das Gehalt stimmt und vieles mehr. Doch zwei Dinge sind störend, nämlich der Druck, alles innerhalb des sehr großen Netzwerks zu homogenisieren (der „Mayo-Klinik-Weg“), und weiterhin manchmal mich als nichts weiter als ein kleines Rädchen im Getriebe eines immensen Uhrwerks zu fühlen.

Das führte dann dazu, dass ich bei meinen Dienstplänen nicht jene Rücksicht erhielt, die ich gerne gehabt hätte und für meine vielen Projekte benötige. Ich wollte beispiels­weise die erste Maihälfte frei haben für mein Nebenstudium, bekam dieses aber nicht bewilligt. Im April wollte ich auf eine bestimmte Konferenz gehen, doch auch mit dieser Absicht scheiterte ich.

Mehrere solcher kleinen Inflexibilitäten summierten sich da zusammen und man verwies auf mein Nachfragen hin auf meinen Neulings­status („Sie sind noch nicht einmal ein ganzes Jahr dabei, andere sind schon seit Jahrzehnten angestellt“); aus solchen Gesprächen und Momenten wurde mir klar, dass die einzige Möglichkeit das zu ändern, in einer Kündigung bestand. So betrat ich mit meinem Kündigungs­schreiben Ende Februar das Büro meines Chefarztes.

Doch dann überraschte mich seine Reaktion: Er bat mich, die Kündigung wieder zurück­zuziehen, weil er mich nicht gehen lassen wolle. Was er denn für mich tun könne, damit ich bliebe, was denn für mich so wichtig sei, dass ich ein so gutes Arbeits­verhältnis aufgeben wolle. Ich würde doch zur Mayo-Klinik sehr gut passen (was mir angesichts des sehr guten Rufes schmeichelte) und was man tun könne, um mich zu halten. Wir sprachen mehr als eine Stunde lang, und er versprach mir, hundert­prozentig auf meine Anliegen einzugehen und jene Flexibilitäten zu geben, die ich bräuchte.

So verließ ich sehr zufrieden aber etwas verwirrt das Büro. Eigentlich hatte ich mich schon gekündigt gesehen, das auch meiner Familie und Freunden mitgeteilt und schon begonnen, nach anderen Stellen zu suchen, doch nun war ich noch immer bei der Mayo-Klinik. Mein Fazit ist ein recht einfaches: Es lohnt sich, seine Vorstellungen geltend zu machen, ruhig auch mit Kündigungsabsicht. 

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