Blog: Vom Arztdasein in Amerika – Angst vor dem deutschen Gesundheitswesen?

Dr. Peter Niemann schreibt über seine Ausbildung zum Internisten sowie der Zeit danach, aber auch über die Skurrilität eines Arztlebens in den USA. Dieses Mal vergleicht er das deutsche mit dem US-amerikanischen Gesundheitssystem.

Dr. Peter Niemann

Deutsche Patienten kehren aus Kostengründen aus den USA nach Deutschland zurück. | Pixabay

Ich kenne recht viele Auslandsdeutsche in den USA. Natürlich halten sich viele von uns immer mal wieder in Deutschland auf, in einigen Fällen nur wenige Tage, in anderen monatelang. Gerade bei solchen längeren Aufenthalten stellt sich dann die Frage der Krankenversicherung, das heißt, wie und wo man sich behandeln lässt im Krankheits­fall.

Es gibt letztlich vier Hauptmöglichkeiten: Man erhält beziehungsweise behält seine deutsche Krankenversicherung, wobei das für manche günstig und leicht, für andere schwierig und teuer ist. Eine zweite Möglichkeit ist einfach, unversichert zu sein und im Krankheitsfall eben privat zu zahlen. Eine dritte ist der Abschluss einer Reisekran­ken­versicherung, wobei es hier zwei weitere Möglichkeiten gibt, nämlich die eine, sich in Deutschland behandeln zu lassen und die Kosten rückerstattet zu bekommen, oder eben die andere, also die vierte Möglichkeit, sich schnellstmöglich in die USA zur Weiterbehandlung zurücktransportieren zu lassen. Die Rückholung in die USA ist meistens mit nur geringen Extrakosten bei solch einer Auslandskrankenversicherung verbunden, und wie ich in Gesprächen heraushöre, entscheiden sich sehr viele in den USA lebende Deutsche für diese Möglichkeit.

Doch wieso möchten sie sich lieber nicht in Deutschland behandeln lassen, sondern in die USA zurückgeholt werden im Krankheitsfall? Beherrschen sie nicht die Sprache, kennen sie nicht das System? Wird nicht gelegentlich in den Medien sogar kolportiert, dass in den USA Versicherte lieber ein deutsches Gesundheitswesen hätten als das ameri­kanische – wenn das der Fall ist, müssten dann nicht gerade Auslandsdeutsche darum buhlen, in Deutschland behandelt zu werden?

Ich kann leider keine Statistiken anbieten, aber doch Einzeleindrücke. Viele empfinden das deutsche Gesundheitssystem als nicht ganz so leistungsfähig wie das amerikani­sche, doch ist das nicht der Hauptgrund für eine Rückführung im Krankheitsfall. Denn dass ein deutscher Kardiologe oder Orthopäde schlechter als ein amerikanischer ist, da glauben nur die wenigsten dran.

Doch es stört viele Auslandsdeutsche, dass ein Arzt nicht haftbar gemacht werden kann für Fehler, dass Patienten nur sehr begrenzt bis gar kein Mitspracherecht haben und dass die Ambiente in einem Krankenhaus von Perso­nal­mangel und nur minimaler Mitteilung des Therapie- und Behandlungsplanes geprägt sind. Es stört sie, dass am Wochenende und nachts Krankenhäuser wie ausge­stor­­ben wirken und dass selbst scheinbare Kleinigkeiten wie eine Krankenhausmahl­zeit derart heruntergespart wurden, dass sie den Charme eines Kasernenmahles aus­strah­len.

Deshalb lassen sich viele Auslandsdeutsche in die USA zurückholen, wenn sie krank werden. Doch Deutsche im amerikanischen Ausland haben auch solche Rückholver­sicherungen, ist es also nicht das gleiche Phänomen? Nein, denn bei den vielen von mir in den USA behandelten Deutschen sind Kostengründe entscheidend für die Rück­kehr nach Deutschland, während es für Deutsche aus den USA eben die Qualität und das Behandlungsumfeld sind. Dieser kleine Unterschied sagt viel über die Sicht auf das jeweilige System von geografisch verschieden lebenden Deutschen aus. 

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