Arbeitsmarkt Neurologie: Tragende Säule der Versorgung

Die Neurologie galt früher als Exotenfach für ausgewiesene Diagnostiker. Inzwischen eröffnet die Disziplin zahlreiche Therapieoptionen und ist aus der Versorgungslandschaft nicht mehr wegzudenken.

Ärzte

Die Neurologie wird für junge Ärzte immer attraktiver. | Stockasso/Fotolia

Kein anderes Fach in der klinischen Medizin entwickelt sich zurzeit so schnell wie die Neurologie. Seit Jahren beträgt das jährliche Wachstum sechs Prozent. Ende 2015 praktizierten in Deutschland 6 451 Fachärzte für Neurologie – fünf Mal so viele wie noch vor 20 Jahren. Die Neurologie hat damit in nur wenigen Jahren laut Statistik der Bundesärztekammer Urologie, Dermatologie und die HNO-Heilkunde überholt.
Der Bedarf an Nachwuchskräften ist folglich groß. Doch nicht nur stationäre Einrichtungen werben um angestellte Fachärzte, sondern auch Praxen. Im Jahr 2015 waren im ambulanten Bereich von 1 717 niedergelassenen Neurologen 428 in Praxen angestellt. Das sind viermal so viele wie vor zehn Jahren.

Trend frühzeitig erkannt

Dieser Trend ist zu einem großen Teil der erhöhten Durchlässigkeit der Sektorengrenzen und den damit verbundenen Gründungen von Medizinischen Versorgungszentren zuzuschreiben. Außerdem sehen viele junge Fachärzte in einer Praxisanstellung oder einer Gemeinschaftspraxen die Möglichkeit, ihre Vorstellungen von Work-Life-Balance besser verwirklichen zu können als im Klinikbetrieb.
Die Neurologie hat sich darüber hinaus in den vergangenen zwei bis drei Jahrzehnten von einem Exotenfach mit exzellenten Diagnostikern aber wenigen therapeutischen Optionen zu einer tragenden Säule in der Versorgung entwickelt. Die Berufsverbände haben den Trend frühzeitig erkannt und reagiert. So gründeten die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) sowie der Berufsverband Deutscher Neurologen und der Berufsverband Deutscher Nervenärzte beispielsweise die Gruppe der „Jungen Neurologen“, die zugleich Ansprechpartner für interessierte Studierende und junge Ärzte ist und sich für die Fortentwicklung der Weiterbildung einsetzt.

Attraktives Arbeitsfeld

„Wir sind glücklich, dass die Neurologie einen so großen Zulauf erfährt und wir es geschafft haben, unter Studierenden der Humanmedizin und jungen Ärzten als attraktives Arbeitsfeld wahrgenommen zu werden“, so Prof. Dr. med. Ralf Gold aus Bochum, Präsident der DGN. „Damit ist es uns gelungen, die drohende Versorgungslücke zumindest zu verkleinern.“
Viele Fakultäten haben ebenfalls gehandelt und ihre Lehrpläne umgestellt, um frühzeitig bei den Studierenden die Faszination für das komplexeste Organ des Menschen, das Gehirn, zu wecken.
Die große Nachfrage nach der Neurologie liegt nicht zuletzt auch im rasanten Erkenntnisgewinn der Neurowissenschaften begründet. Hörte vor 30 Jahren die Arbeit des Neurologen oft nach der Diagnosestellung auf, verfügt er inzwischen über zahlreiche Behandlungsoptionen für Patienten mit chronischen Erkrankungen wie Parkinson, Multiple Sklerose oder Epilepsien.
Neurologen waren es auch, die in den 90er Jahren die ersten „Stroke Units“ zur Schlaganfallbehandlung gegründet haben und sich damit mitten in die Versorgungslandschaft platzierten. Die Neurologie hat sich darüber hinaus inzwischen fest in der Notfall- und Intensivmedizin etabliert.
Ein weiterer Grund für die zunehmende Bedeutung der Neurologie ist die längere Lebenszeit in der Bevölkerung: Typische Alterskrankheiten wie Schlaganfall, Parkinson oder die Alzheimer-Demenz nehmen in der Bevölkerung ebenso zu wie Schwindel- oder Schmerzsyndrome. „Zwei Drittel aller geriatrischen Diagnosen sind neurologisch oder psychiatrisch“, so Gold. Die Neurologie sei damit natürlicherweise eine wichtige Disziplin in der geriatrischen Versorgung.

Neuer Weiterbildungsstrang geplant

Dies bildet sich auch strukturell ab: So hat im Juni Prof. Dr. med. Richard Dodel als erster Neurologe an der Medizinischen Fakultät der Universität Duisburg-Essen einen Lehrstuhl für das Fach Geriatrie erhalten. Und im Entwurf der neuen Musterweiterbildungsordnung ist ein neuer Weiterbildungsstrang zum „Facharzt für Neurologie und Geriatrie“ vorgesehen.

Professor Dr. Lars Timmermann ist Oberarzt am Zentrum für Neurologie und Psychiatrie der Uniklinik Köln. Im Interview verrät er, warum ihn die Parkinson-Erkrankung fasziniert und welchen Trick er in seiner Anfangszeit als Assistenzarzt bei älteren Patienten anwendete.

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