Ärzte ohne Grenzen: „Die Nicht-Routine ist die Routine“

Ein Einsatz bei „Ärzte ohne Grenzen“ ist für viele junge Ärzte attraktiv. Doch welche Voraussetzungen muss man als Arzt mitbringen? Dr. med. Matthias Villalobos, Oberarzt in der Thoraxklinik des Universitätsklinikums Heidelberg, berichtet über seine Erfahrungen.

Für „Ärzte ohne Grenzen" im Einsatz: Dr. med. Matthias Villalobos. | Elfers

Herr Dr. Villalobos, wie verlief Ihr erster Einsatz bei „Ärzte ohne Grenzen“?

Ich hatte schon während des Studiums den Traum, in die humanitäre Hilfe zu gehen. Beworben habe ich mich 2010 – zum Zeitpunkt meiner Facharztprüfung. Beim ersten Einsatz ging es, noch im selben Jahr, für acht Monate in die demokratische Republik Kongo. Eine großartige Erfahrung! Ich habe an einem kleinen Krankenhaus an einem entlegenen Ort gearbeitet und war dort allgemeinmedizinisch tätig. Viele Patienten litten unter Mangelernährung und Infektionskrankheiten wie Malaria, aber auch an HIV und Tuberkulose. Die ärztliche Arbeit erfolgte unter erhöhten Sicherheitsbedingungen, denn in der Region war in dieser Zeit ein bewaffneter Konflikt entbrannt.

Waren Sie darauf vorbereitet?

„Ärzte ohne Grenzen“ bereitet die Ärzte in einem einwöchigen Vorbereitungskurs auf ihre Arbeit vor. Dabei geht es um die Organisation selbst, aber auch um Fragen wie: „Wie verhalte ich mich bei Zwischenfällen?“ Vor Ort wurde ich ausführlich gebrieft, dabei ging es auch um Sicherheitsregeln, etwa den Umgang mit Funkgeräten. Insofern wurde ich für das Arbeiten in einem Konfliktgebiet sensibilisiert.

Einen typischen Arbeitsalltag gibt es bei „Ärzte ohne Grenzen“ vermutlich nicht?

Tatsächlich passiert jeden Tag etwas anderes. Die Nicht-Routine ist die Routine. Dennoch hatte der Tag eine Struktur: Morgens fand die Frühbesprechung mit dem gesamten Krankenhauspersonal statt, es wurde von der Nacht berichtet und einzelne Fälle diskutiert. Danach folgten die Visite auf den Stationen, Sprechstunden bzw. Arbeit im OP. Wir waren aber auch zusammen mit unseren Logistikern gefordert, zu überlegen, wie die Situation und die Infrastruktur verbessern werden kann. Zur Routine gehörten außerdem regelmäßige Fortbildungen und ein Teammeeting am Samstag, das die 6-Tage-Woche beendete.

Wie läuft die Verständigung in dem internationalen Team und mit den Patienten ab?

„Ärzte ohne Grenzen“ ist eine internationale Organisation mit französischen Wurzeln – Médecins Sans Frontières – und auch im Kongo spricht man Französisch, so dass das die Sprache mit den Patienten war. Im Team und bei E-Mail-Kontakten wurde Englisch gesprochen.

Müssen Bewerber sehr gute Fremdsprachenkenntnisse für eine Arbeit bei „Ärzte ohne Grenzen“ vorweisen?

Englisch beherrscht im Prinzip jeder, aber auch Französisch ist sehr wichtig. Wer Französisch spricht, kann in Afrika eingesetzt werden. Spanisch ist natürlich für Lateinamerika eine sehr gute Fremdsprache. Während des Studiums oder als junger Arzt sollte man auf jeden Fall Auslandserfahrungen sammeln, da die bei der Bewerbung eine Rolle spielen. Das können Praktika im Ausland sein, aber auch die Rucksackreise durch Südostasien. Es kommt darauf an, zu zeigen, dass man flexibel ist, offen gegenüber fremden Kulturen und sich „durchschlagen“ kann.

Gibt es weitere Voraussetzungen für eine Mitarbeit?

Bewerber benötigen Minimum zwei Jahre Berufserfahrung als Arzt. Sie können also nicht direkt nach dem Studium bei „Ärzte ohne Grenzen“ anfangen und es gibt auch keine Möglichkeit im Rahmen einer Famulatur oder einem Praktikum teilzunehmen. Dazu ist die Arbeit auch zu komplex. Der erste Einsatz ist immer für mindestens sechs Monate angelegt.

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